Buchtipp (10. November 2017)

Abnahme von Bauleistungen – Band 1

Es ist mir nach wie vor ein Rätsel, warum private Bauherren so häufig ins eigene Verderben rennen. Wo doch das Bauen allzu oft mit Fehlern und Mängeln behaftet ist, weil die einfachsten Dinge schlicht falsch gemacht werden. So bleibt der bauliche Erfolg in der Regel auf der Strecke. Die Verantwortlichen am Bau schulden aber gerade den Eintritt dieses Erfolges. Ohne wenn und aber! Nur das „Bemühen“ auf den Weg dorthin, reicht niemals aus! Das BGB fordert deshab unmissverständlich: Der Besteller hat das bestellte Werk abzunehmen. Die Abnahme wird ihm zur (Haupt-)Pflicht gemacht! Tut er es nicht, bleibt er häufig auf den Mängeln sitzen, weil die Mängelbeseitgung einem Hindernislauf gleicht!

Mit der VOB verhält es sich kaum anders. Damit die VOB/B wirksam eingesetzt werden kann, bedarf es der schriftlichen Vereinbarung im Vertrag. Bei dem privaten Auftraggeber ist es außerdem erforderlich, dass dieser Kenntnis vom Wortlaut der VOB/B erlangt. Es ist daher von Vorteil, wenn der Auftraggeber das Vertragswerk vor Abschluss des Bauvertrages zur Einsicht erhält. In der VOB ist die Abnahme in § 12 wesentlich eingehender geregelt als im BGB, insbesondere die eigentliche Durchführung der Abnahme. Schließlich ist das Vertragswerk eigens für das Bauen entwickelt worden!

   

Obwohl die Fachliteratur unzählige Buchtitel zur Abnahme bereithält, gibt es weiterhin viele offene Fragen zur Abnahmeprozedur. Ein absoluter Kenner der Materie, ein wirklicher Bauprofi, Gunter Hankammer, hat sich dieser Problematik erneut angenommen, um noch mehr Licht in den Abnahme-Dschungel zu bringen. Mit der bereits 5. Auflage seines Werkes „Abnahme von Bauleistungen – Band 1“, formuliert er genau das, worauf es ankommt. Der Untertitel des Werkes verrät bereits, was der Leser zu erwarten hat: rechtliche und technische Grundlagen sowie praktische Hinweise zur Abnahme von Rohbau, Dach und Fassade.

Ich habe mir gern die Mühe gemacht, das gedruckte Know-how aus seiner Folie zu befreien, um die Fachkompetenz ans Licht zu lassen. Eine Buchdruckkunst der modernen Art liegt nun vor mir, die obendrein noch gut in den Händen liegt. Der Band 1 befasst sich mit den Bauhauptgewerken. Die Wände, samt Statik, dazu der obere und seitliche Schutz des Hauses vor Witterungseinflüssen, sorgen dafür, dass sich der Mensch in der Gebäudestruktur wohlfühlt. Ist die Baukonstruktion mangelhaft, leidet auch der Wohlfühlfaktor!

Werfen wir einen Blick hinein! In der Einleitung verweist der Autor auf einen der wichtigsten Punkte einer Abnahme: das Haftungspotenzial. Übersieht der Verantwortliche für die Abnahme Mängel, die später zu Schäden führen, hat er ein Problem. Der Besteller fordert Schadenersatz! Verweigert er die Abnahme wegen zu geringer Mängel, hat er auch ein Problem. Die verspätete Nutzung kann zu Einbußen des eingesetzten Vermögens führen. Das ganze Dilemma einer Abnahme! Wer jetzt noch glaubt, leichtfertig in eine Abnahme zu stolpern, muss mit den möglichen Folgen leben!

Eine Abnahme muss deshalb gut vorbereitet werden. Denn zum Zeitpunkt der Abnahme müssen die Regeln der Technik baulich umgesetzt sein. Leichter gesagt, als getan. Weil sich die Regelwerke permanent ändern. Diesen Aspekt hat Hankammer selbstverständlich in das neue Werk einfließen lassen, damit das Formulierte auf dem aktuellsten Stand ist. Ein Druckwerk hat aber auch einen Schluss, den Redaktionsschluss. Deshalb wird der Online-Service zum Downloaden immer wichtiger für den Anwender. Was die Verlage natürlich erkannt haben, um selber nicht abgehängt zu werden.

Der Einstieg in das Fachwerk ist für Interessenten der Abnahme gefüllt mit Grundlagenwissen, ohne die es keine erfolgversprechende Abnahme gibt. Schwere Kost für den Unbedarften. Denn jede Wissenslücke nutzt die Gegenseite schonungslos aus. Wer sich nicht auskennt, fliegt auf die Nase! Sind Lücken vorhanden, sollte man sie schließen oder einen fachlichen Beistand hinzuziehen. Der Autor befasst sich deshalb umfangreich (ca. 140 Druckseiten) mit der Abnahme-Problematik, damit die Abnahme nicht zum Fiasko wird. Nicht nur die Begriffe Abnahme, Schlussrechnung und das Instrument Abnahmeprotokoll werden dabei hervorragend beschrieben. Begleitende Einblicke in Regelwerke und Gerichtsurteile führen zum besseren Verständnis der anspruchsvollen Problemstellung.

Kapitel 3 ist nur einem Sachverhalt gewidmet: dem Mangel! Kurz gesagt, weicht der Istzustand, also das, was baulich umgesetzt wurde, vom Sollzustand, was einmal geplant wurde, ab, sprechen wir von einem Mangel. So auch der Autor! Die ausführliche Abhandlung über den Mangel zeigt, wie unterschiedlich der Begriff interpretiert wird. Nicht jeder Mangel lässt eine Abnahme platzen, es gibt nämlich auch die hinzunehmenden Unzulänglichkeiten (Kapitel 4), die vielleicht nur einen finanziellen Abschlag bedeuten.

In Kapitel 5 widmet sich Hankammer einen Thema, das mich seit Jahrzehnten umhertreibt. Gemeint sind die „Technischen Regeln“. Auf zehn Druckseiten erklärt der Autor, womit wir es hier zu tun haben. Hierzu zählen auch die Maßtoleranzen, in denen sich die bauliche Akkuratesse bewegen sollte! Ansonsten landen wir wieder ganz schnell beim Mangel.

Ohne große Spannung zu erzeugen. In Kapitel 6 erfährt der Interessent das, was er sich vom Werk wünscht: „Praktische Hinweise für die Abnahme der Gewerke“. Wie es sich gehört, werden alle Gewerke nach der ATV VOB/C (Allgemeine Technische Vertragsbedingungen) aufgeführt, so dass die Reihenfolge unmissverständlich fixiert ist. Knapp 300 Druckseiten führen den Betrachter in die Welt der praxisnahen Abnahme. Denn ein funktionierendes Bauwerk ist ein Puzzle aus vielen Teilen (Gewerken). Baulich hintereinander, manchmal auch parallel, ganz nach Baufreiheit, werden die einzelnen Puzzlestücke zusammengefügt, um am Ende den baulichen Erfolg zu erzielen, der geschuldet ist! Obwohl jedes Bauwerk ein Unikat darstellt, gelingt es Hankammer beeindruckend, einen repräsentativen Mängelkatalog für die Bauabnahme der Bauwelt an die Hand zu geben.

Fazit: Der Sinn einer Leistungsbeschreibung muss klarstellen: Der Besteller soll wissen, was er für sein Geld bekommt, und der Werkunternehmer hat ein lebhaftes Interesse daran, festzuhalten, wie viel Leistung er für welches Entgelt zu erbringen hat. Das frühzeitige Erkennen der Fehler und Mängel hilft zudem, Streitigkeiten und mögliche spätere Schäden an Bauwerken zu vermeiden. Mit unzähligen Praxis-Beispielen in Wort und Bild kann der Nutzer anhand seines eigenen Bauvorhabens Rückschlüsse ziehen, um bei der Mängelbeurteilung zu bestehen. Das bewährte Motto: Bilder erzählen manchmal mehr als Worte!

Meine Bauerfahrung zeigt, übrigens seit 1971, dass es leider Menschen gibt, denen man das Bauen verbieten sollte. Auch wenn sie vielleicht die finanziellen Mittel dazu haben. Nur, wer tut das schon? Das gilt sowohl für den Besteller als auch für den Ausführenden! Die Bauschäden gehen jedes Jahr in die Milliarden! In den Medien werden ja immer nur die spektaklären Bausünden beleuchtet.

Mit der 5. Auflage erscheint die „Abnahme von Bauleistungen“ erstmals in zwei Bänden. Die Mängelliste wird scheinbar immer länger, um in einen Band zu passen! Ausführliche Checklisten, auch online verfügbar, erleichtern die Abnahme-Prozedur. Hinweis: Band 2 der „Abnahme von Bauleistungen“ folgt Ende Dezember 2017 und widmet sich der Abnahme von Innenausbau und Haustechnik. Also rechtzeitig, um das Baujahr 2018 einzuläuten. Am 1. Januar 2018 tritt zudem das neue Bauvertragsrecht in Kraft. Teilabnahmen sollen somit erleichtert, die Rechte für Bauherren gestärkt werden. Abwarten! Eines steht jedoch jetzt schon fest: Leichter wird das Bauen auch danach nicht! Master of Engineering Uwe Morchutt

Bibliografische Daten:
Abnahme von Bauleistungen - Band 1
Rechtliche und technische Grundlagen & praktische Hinweise zur Abnahme von Rohbau, Dach und Fassade
Von Gunter Hankammer.
5., aktualisierte und erweiterte Auflage 2017. 17 x 24 cm. Gebunden. 477 Seiten mit 350 Abbildungen und 65 Tabellen.
59 Euro
ISBN Buch: 978-3-481-03664-54
ISBN E-Book (PDF): 978-3-481-03665-2
Verlagsgesellschaft Rudolf Müller GmbH & Co. KG., Köln
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