Buchtipp (22. Januar 2017)

Schäden an Gebäuden
Erkennen und Beurteilen

Neues Jahr, neues Buch. Alt jedoch, die Probleme. Wenn ein Buch über „Schäden an Gebäuden“ rund 550 Druckseiten stark ist, stimmt etwas mit dem Bauen in Deutschland nicht. Obendrein noch die 3. Auflage. Seit 1971 befasse ich mich nun mit dem Baugeschehen auf die unterschiedlichste Weise. Viele Gebäude wurden in diesem Zeitraum errichtet. Kein Bauwerk ist ohne Mängel. Eigentlich Schade! Denn einer muss den Pfusch ja bezahlen?

Gehe ich heute über eine Baustelle, wird mir ganz schlecht. Es hat den Anschein, als wüsste die linke Hand nicht mehr, was die rechte macht! Das daraus zu erwartende Ergebnis sieht dann auch so aus: mangelhaft und schadensträchtig. Was höre ich da oftmals als fadenscheinige Begründung, wenn man die Sprache überhaupt identifizieren kann, die gesprochen wird, der Zeitdruck sei zu groß! Das muss man sich von Bauleuten anhören, die kaum ein Gebäude pünktlich fertigstellen können. Dabei profitieren die Handwerker wie kaum eine andere Branche von dem vielen Pfusch, die die Kollegen hinterlassen haben, weil die Mängel schon im Sinne der Gebäudeerhaltung behoben werden müssen.

   

Gunter Hankammer, aus der Stadt der Elbphilharmonie, also bestens vertraut mit den Problemen am Bau in unmittelbarer Nachbarschaft, ist ein erfahrener und anerkannter Experte, wenn es darum geht, „Schäden an Gebäuden“ auf den Grund zu gehen. Nicht von ungefähr ist er der Autor dieser neu aufgelegten „Pflichtlektüre“, die ich vor allem Fachleuten, aber auch Baulaien ans Herz legen möchte. Auch wenn das monströse Buch nicht gerade leichte Kost darbietet, trifft es doch den Nerv unserer Zeit, in der die Preise für Wohnungen derzeit stärker steigen als die Mieten! Um welchen Preis, frage ich?

Der Autor hat übrigens auch einen Sinn für die Belletristik. Vor dem eigenen Vorwort lässt er Johann Wolfgang von Goethe aus „Wilhelm Meisters Wanderjahre“, Zweites Buch, 3. Kapitel von 1829 zu Wort kommen: „...denn der Bauende soll nicht herumtasten und versuchen, was stehen bleiben soll muss recht stehen und wo nicht für die Ewigkeit doch für geraume Zeit begnügen. Mag man doch immer Fehler begehen, bauen darf man keine“. Knapp 200 Jahre später klingen diese Worte des Meisters der Poesie mahnend in den Ohren. Fehler beim Bauen doch bitte zu vermeiden!

Doch werfen wir einen Blick in das Werk, das sehr viel Akribie und Arbeit gekostet hat. Vorher noch eine kurze Bemerkung zum Vorwort des Autors: Hankammer bedient dabei die alte Baufloskel:„Das habe ich schon immer so gemacht“! Komischer Weise habe ich das schon als Stift am Bau 1971 von sogenannten alten Bauhasen gehört. Was einer schon immer falsch gemacht hat, macht er auch weiterhin falsch! Der heutige Baumensch besitzt anscheinend die Fähigkeit, resistent gegenüber Neuem zu sein, auch wenn dies vielleicht richtig ist!

Bereits in der Einleitung stuft der Autor die Bauteile eines Gebäudes ein, die durch ihre Schadenshäufigkeit auffallen. Es sind übrigens alles Gebäudeteile, die der ständigen Witterung, also der Feuchte, ausgesetzt sind. Angeführt von den Dächern, über die Balkone und Kelleraußenwänden, Fenster und Türen sowie den Fassaden. Der Hinweis, dass die Gebäude und Bauteile nur so gut sind, wie deren Baustoffe, aus denen sie bestehen, verdeutlicht, worauf es wirklich ankommt. Selbstverständlich verbunden mit dem handwerklichen Können, der am Bau Beteiligten. Hier stellt sich bereits die entscheidende Frage: Entspricht das Bau-Soll dem Bau-Ist?

Wer des Öfteren ein Fachbuch in die Hand nimmt, wird wissen, dass einführende Grundlagen dabei helfen, den Zugang in die Buchmaterie zu vereinfachen. „Schäden an Gebäuden“ haben diverse Ursachen und Auswirkungen, so dass auch die Personen betroffen sind, die letztendlich den Schaden haben. Der Begriff Schadensersatz rückt hier ins Blickfeld. Höchstrichtliche Urteile verdeutlichen den langwierigen Kampf vor Gericht durch alle Instanzen, weil ja in der Regel keiner freiwillig zugibt, dass er schuld am Schaden ist!

Bevor der Autor sich den Schadensbildern zuwendet, erläutert er seine Herangehensweise, um die Schäden einwandfrei zu lokalisieren. Hilfsinstrumente helfen dem Gutachter dabei, die Beweise zu sichern, um vor Gericht die besseren Argumente zu haben. Eine altbewährte Methode sind beispielsweise Gipsmarken, sogenannte Gipsblomben, die dabei helfen, Rissbildungen zu überwachen und über einen längeren Zeitraum zu interpretieren.

Mit Kapitel 4 eröffnet Hankammer den ausführlichen Reigen der Schadensbilder an den Bauteilgruppen gemäß DIN 276, also nach den Kostengruppen. Rund 250 Druckseiten spiegeln die Schäden realitätsgetreu wider, wie wir sie in der Wirklichkeit antreffen. Eine beeindruckende Sammlung von detailliert beschriebenen und ins Bild gesetzten Schäden, die jeden Betrachter in den Bann zieht. Ein Laie würde vielleicht sagen: Soviele Schäden, das gibt es doch gar nicht? Leider doch, die Baurealität ist kein Hochglanz-Prospekt!

Der Wärme- und Schallschutz, sprich der Verdacht auf deren Mängel, bekommen von Hankammer ein eigenes Kapitel. Vielleicht gerade deswegen, weil Mängel in dieser Kategorie die Bewohner besonders verärgern können. Ich denke in diesem Zusammenhang sofort an den Trittschallschutz, wenn wieder einmal ein neuer Parkettboden verlegt werden soll. Der darunter liegende Mitbewohner dankt es ihnen vielleicht mit ein paar Worten, wenn die Fehler hierbei im Rahmen des Erträglichen bleiben!

Über die Rissschäden und konkreten Störungen, die von außen oder durch Schädlinge verursacht werden, fliege ich hinweg, ohne sie damit unbedeutend zu machen, um mich den Verfahren zur Schadensfeststellung, Kapitel 8, zu zuwenden. Die moderne Verfahrenstechnik macht es möglich, dass vor Ort genommene Proben anschließend im Labor genau untersucht werden. Ähnlich einem Pathologen, der die Todesursache genau feststellt, liefert die Laboruntersuchung Ergebnisse, die bei der Behebung der Schäden relevant werden. Für jeden Schaden am Gebäude gibt es das passende Instrument, um den Mangel ans Tageslicht zu befördern. Die innovative Geräteindustrie profitiert demzufolge auch von den zahlreichen Schäden an Gebäuden! Alles muss ja schließlich gerichtstauglich untersucht werden.

Ein sehr „unappetitliches“ Kapitel folgt im Anschluss daran. Schadstoffe und Altlasten von Immobilien beschäftigen die Experten so lange, wie gebaut wird. Ich möchte hier nur auf die Schimmelpilze hinweisen, die durch erhöhte und andauernde Feuchtigkeit in Gebäuden ihre wahre Größe entfalten können. Ein existentsbedrohendes Phänomen sind darüber hinaus die Altlasten in Böden. Einen kontaminierten Boden wünscht man nicht einmal seinen schlimmsten Feind!

Bevor der unumgängliche Anhang, übrigens mit einem weiterführenden Literaturverzeichnis, das Werk beendet, möchte ich noch auf die Kapitel 10 und 11 hinweisen. Die Wirtschaftlichkeitsbetrachtung ist dabei genauso wichtig wie die anschließende Kommentierung der Rechtslage bei Schäden an Gebäuden. Ich denke in diesem Zusammenhang sofort an die Mietminderung und an das Kündigungsrecht bei Mängeln an der Mietsache. Auch hier gilt wie immer, wenn etwas schief geht im Leben, Beweise sammeln, weil nur die vor Gericht einen Vorteil bringen. Der Autor gewährt u.a. Einblicke in beispielhafte Urteile, wann man eine erfolgversprechende Mietminderung anstreben sollte.

Fazit: „Schäden an Gebäuden“ deckt mit hohem Sachverstand die Mängel an Bauwerken auf. Es ist ein Tatsachenbericht, keine Fiktion. Jeder, der sich mit dem Bauen befasst, egal in welcher Funktion, sollte Zugang zu diesem Fachwerk bekommen. Nur so lassen sich Fehler beim Errichten von Bauwerken minimieren. „Mag man doch immer Fehler begehen, bauen darf man keine“, postulierte bereits Goethe. Mehrere Studien berichten, dass in Deutschland durch Mängel am Bau jährlich Schäden in Milliardenhöhe entstehen. Die Tendenz ist steigend! Seit 2002 haben sich die Kosten für Bauschäden mehr als verdoppelt. Die gutachterliche Kunst besteht demzufolge darin, die Schäden zu erkennen und richtig zu beurteilen!

Der 20. Bauschadenstag 2017 am 22. März in Berlin berichtet auch in diesem Jahr wieder über typische Mängel und Schäden beim Feuchte-, Schall- und Wärmeschutz. Sowohl im Neubau als auch im Bestand. Gunter Hankammer hat mit „Schäden an Gebäuden“ ein Grundlagenwerk geschaffen, das schonungslos zeigt, wie verantwortungslos in der heutigen Zeit gebaut wird. Passend dazu: Die Eröffnung des BER in Berlin wurde abermals verschoben! Dipl.-Ing. (FH) Uwe Morchutt

Bibliografische Daten:
Schäden an Gebäuden
Erkennen und Beurteilen
Von Dipl.-Ing. Gunter Hankammer.
3., aktualisierte Auflage 2017. 17 x 24 cm. Gebunden.
548 Seiten mit 744 Abbildungen und 67 Tabellen.
69 Euro.
ISBN Buch: 978-3-481-03501-3
ISBN E-Book: 978-3-481-03502-0
Verlagsgesellschaft Rudolf Müller GmbH & Co. KG.
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