Polystyrol-Dämmstoffe (Styropor) (4. Oktober 2016)

Deutschland mit Sondermüll eingepackt!

Nach der Verordnung (EG) Nr. 850/2004 über persistente organische Schadstoffe (POP) müssen Abfälle, die diese Schadstoffe enthalten, so entsorgt werden, dass die darin enthaltenen Schadstoffe zerstört oder unumkehrbar umgewandelt werden. Eine europäische Verordnung aus dem Jahr 2004 fällt zwölf Jahre später vielen Bauherren und Hausbesitzern hierzulande sprichwörtlich auf die Füße.

Was unabhängie Fachleute lange wissen, ist jetzt offiziell als gefährlicher Abfall, „Sondermüll“, eingestuft worden. Bauwissen-online berichtete bereits am 23. März 2016 darüber! Seit dem 1. Oktober 2016 gelten die neuen Entsorgungsvorgaben für Polystyrol-Dämmstoffe. Was der Bauherr oder Hausbesitzer in den letzten Jahren aufwendig und kostspielig an seine Wände und Decken geklebt hat, weil der Gesetzgeber es fordert und fördert, darf er im Falle des Rückbaus nun auch noch teuer entsorgen. Die Dämmstoffindustrie, die den „Müll“ produziert hat, ist dabei fein raus!

Die Müllberge sind unter der Abfallschlüsselnummer 17 06 03* „anderes Dämm-Material, das aus gefährlichen Stoffen besteht oder solche Stoffe enthält“ eingestuft. Betroffen sind Dämmstoffe auf Basis von expandiertem (EPS) oder extrudiertem (XPS) Polystyrol, besser bekannt unter dem Handelsnamen Styropor, die das Flammschutzmittel Hexabromcyclododecan (HBCD), ab 1.000 mg/kg, enthalten. Das Landesamt für Umwelt Rheinland-Pfalz geht davon aus, dass die Konzentrationen an HBCD in alten Styroporplatten in jedem Fall über dem genannten Grenzwert liegen. Wie viele Dämmplatten insgesamt davon betroffen sind, das kann natürlich keiner seriös beantworten.

Gefährliche Abfälle unterliegen der Nachweisverordnung, wenn davon mehr als 2 000 kg insgesamt pro Jahr bei einem Betrieb anfallen. Die HBCD-haltigen Dämmplatten werden dann in Zukunft von einem Entsorger für Sonderabfälle eingesammelt. Der Abfallerzeuger erhält einen Übernahmeschein in Papierform, in dem u. a. der Abfallschlüssel, die Abfallart und die Menge eingetragen werden. Der Übernahmeschein ist vom Abfallerzeuger (Bauherr) mindestens drei Jahre lang aufzubewahren.

Die HBCD-haltigen Dämmstoffe müssen in einer eigens dafür zugelassenen Anlage verbrannt werden. Dabei wird das HBCD zerstört. Neu ist, dass die Verbrennungsanlage für den Abfallschlüssel 17 06 03* genehmigt sein muss. Als alternatives Flammschutzmittel wird seit geraumer Zeit das weniger problematische bromierte Polymer-FR verwendet (Abfallschlüssel nach AVV: 17 09 04). HBCD ist ein ringförmiges, bromiertes Kohlenwasserstoffmolekül mit der chemischen Formel C12H18Br6. Der Stoff verzögert die Entzündung von Kunststoffen und verlangsamt die Ausbreitung der Flammen.

Das Umweltbundesamt empfiehlt, alternative Dämm-Materialien wie Mineralwolle, Schaumglas, Blähton oder Dämmstoffe auf Basis von nachwachsenden Rohstoffen zu verwenden. Als Orientierung kann auch das Kennzeichen „Blauer Engel“ auf Dämmstoffen dienen.

Was bedeutet die neue Einstufung für Bauherren und Hausbesitzer?
Wenn Polystyrol-Dämmstoff-Platten ordnungsgemäß verbaut worden sind, geht davon gewöhnlich kein gesundheitsgefährdendes Risiko aus. Das Material hat keine direkte Verbindung mit der Raumluft und kann somit nicht ausgasen. Betroffene Hausbesitzer müssen erstmal nichts unternehmen. Folgen hat die neue Verordnung nur für Bauherrn, die beispielsweise ihr Haus abreißen lassen wollen oder eine neue Dämmung brauchen.

Bauherren sollten in alten Rechnungen also zunächst nachschauen, ob es sich um Polystyrol-Dämmstoffe mit Flammschutzmittel HBCD handelt. Denn die gefährlichen Abfälle müssen nun in Müllverbrennungsanlagen mit speziellen Filtern entsorgt werden. Für die Entfernung des Sondermülls ist in jedem Fall eine Fachfirma zu beauftragen, die sich nachweislich damit auskennt! Problematisch ist die Erkennung des HBCD-Gehaltes bei bereits verbauten Polystyrol-Dämmstoffen, die heute oder in Zukunft rückgebaut und entsorgt werden sollen: Hier hilft dann im Zweifelsfall nur noch eine chemische Analyse, für die es bereits einen Schnelltest (Röntgenfluoreszenzanalyse) gibt.

Polystyrol ist ein Erdöl-Raffinerie-Produkt. Es gibt so genanntes expandiertes Polystyrol (EPS) und extrudiertes Polystyrol (XPS). EPS kommt als Platte unter Estriche, auf Fassaden und an die Decke. XPS wird als Platte an Orten mit hoher Feuchtigkeits­belastung eingesetzt wie Balkonen, Flachdächern, Sockel­bereichen, Keller­außenwänden oder Schwimmbad­bereichen. Bundesweit kleben etwa 800 Mio. m³ Dämmplatten aus dem am häufigsten verwendeten Dämmstoff Polystyrol auf deutschen Fassaden. Hausbesitzer müssen nicht nur die Kosten tragen, sondern auch die Entsorgung dokumentieren.

In der Kritik steht der Dämmstoff auch, weil ihm häufig Biozide zugesetzt werden. Dadurch soll Algen- und Schimmelpilzbefall auf den gedämmten Hauswänden verhindert werden. Übrigens gut für jedermann auf nachträglich wärmegedämmten Fassaden zu sehn! Ihre Wirkung ist jedoch nicht von Dauer, da die Giftstoffe mit dem Regen ausgewaschen werden, so dass sie in die Böden und die Gewässer gelangen. Teures Polystyrol stellt Verbrennungsanlagen wegen des hohen Brennwertes ohnehin vor Probleme. „Das ist so, als ob sie einen Ofen nur mit Spiritus heizen würden“, sagt ein Branchenvertreter.

Deutschland wird eingepackt: Matratzendicke Dämmplatten verdecken die Außenfassaden - alle angeklebt im Namen der Energiewende und des vermeintlichen Klimaschutzes. „Zwischen 2006 und 2013 sind 3,4 Mio. Wohnungen mit einem Investitionsvolumen von 150 Mrd. Euro gefördert worden“, frohlockt Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD). Als Bau-Laie findet sie das sogar noch toll!

Architektenkammern warnen ihre Mitglieder bereits vor fahrlässigen Versprechen: „Die theoretisch errechnete Energieersparnis stellt sich so definitiv nie ein“, sagt ein Vertreter in Stuttgart und warnt, „merkt dies der Kunde nach Ende der Bauarbeiten, kann er den Architekten verklagen.“ Die ersten Prozesse laufen bereits. Der Verband der Hausbesitzer rät inzwischen davon ab, Fassaden im Nachhinein zu dämmen: Lohnt sich praktisch nie. „Wir empfehlen, nur zu dämmen, wenn eine Fassade ohnehin erneuert werden muss“, sagt Corinna Kodim, Energieexpertin von „Haus & Grund“. Die Werbespotts der Dämmstoff-Industrie laufen indes ungebremst weiter! Dipl.-Ing. (FH) Uwe Morchutt