Buchtipp (6. Mai 2016)

Schadstoffe im Baubestand

Auch wenn es verwegen klingt, der Mensch ist höchstpersönlich dafür verantwortlich, dass es Schadstoffe in unserem Baubestand gibt. Je nach Bauzeit der Gebäude finden wir heute typische Materialien vor, die sich erst Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte später als Schadstoffe entpuppt haben. Asbest ist wohl der bekannteste Vertreter dieser Gattung. Jahrzehntelang war Asbest hoch angesehen, so dass das Material, übrigens weltweit, zwischen 1950 und 1980 in vielen Häusern verbaut wurde. Asbest war deshalb so begehrt, weil es diverse Vorteile in sich vereinte: feuerfest, leicht, elastisch und zugfest sowie flexibel einsetzbar.

Das „World-Trade-Center“ in New York war ebenso mit Asbest „verseucht“ wie der „Palast der Republik“ in Ostberlin. Dies zeigt, wie grenzenlos mit Asbest gebaut wurde. Asbest leistete gute Dienste, beispielsweise beim Brandschutz, eben gerade wegen seiner Eigenschaften. Das Schicksal der Gebäude ist bekannt. In vielen Häusern, die nicht den Bekanntheitsgrad erlangt haben, schlummern aber nach wie vor große Mengen von Asbest – in Bodenbelägen, Dämmplatten, in Bädern und Rohren. Meistens ahnen die Bewohner gar nichts von dem krebserregenden Material unter ihrem Dach. Erst bei der Renovierung erleben viele Hausbesitzer eine böse Überraschung – gesundheitlich und finanziell, weil bei der Veräußerung der Immobilie der Asbest beseitigt werden muss!

Asbest ist seit 1993 in Deutschland verboten. Der Grund: Das Material setzt feinste Fasern frei, die für das Auge kaum sichtbar sind. Werden sie eingeatmet, dringen die Fasern tief in die Lunge ein und setzen sich dort fest. 23 Jahre nach dem Einbauverbot erkranken allein in Deutschland jährlich immer noch 3500 Menschen an diesem Schadstoff. Alle Krankheiten, die durch Asbest verursacht werden, führen zum Tod! Wie erkennt der Laie eigentlich Schadstoffe im Baubestand?

   

Ein Autorenteam aus vier Schadstoff-Spezialisten, die Rede ist von Fachleuten, die sich über viele Jahre hinweg mit der Materie beschäftigt haben, hat sich eigens für diesen Zweck zusammengefunden, um den Schadstoffen auf den Grund zu gehen. Im Ergebnis ist nun die Neuerscheinung „Schadstoffe im Baubestand“ entstanden, so dass sie druckfrisch vor mir liegt. Sicher kein Thema mit dem sich die Verfasser landesweit besonders beliebt machen, aber ein ernstes Fachgebiet, das seine Aufmerksamkeit verdient. Wer befasst sich schon gern mit gesundheitsgefährdeten Themen?

Das Fachbuch, das so handlich daherkommt, betont, erstmalig eine kompakte, systematische Darstellung der beim Bauen im Bestand am häufigsten vorkommenden Schadstoffe in Wort und Bild anzubieten. Schadstoffe beim „Bauen im Bestand“ bedeutet demzufolge, dass sie vorhanden sein müssen! Oftmals im Verborgenen, sozusagen im Dornröschenschlaf, schlummern die Schadstoffe vor sich hin, um bei einer Sanierung „wachgeküsst“ zu werden. Je nach Schadstoffart lauern hier gefahren für die Sanierer, die unangenehme Folgen haben können. Klingt konsequent und nachvollziehbar, dass es sich lohnt, einmal einen Blick hineinzuwerfen.

Neu zu bauen, klinkt einfach. Ist es in der Regel auch. Der nachträgliche Eingriff in ein Gebäude erfordert neben dem baulichen Rüstzeug eine Auseinandersetzung mit der Bauzeit und deren baulichen Zustandsbeschreibung. Bauherren, Planer und Sanierer müssen sich vor dem „Eingriff“ in ein Bestandsgebäude gründlich mit der Baumaterie befassen, um allen Eventualitäten, die auftreten können, gerecht zu werden. Hoher Sachverstand und Klarheit über bestehende gesetzliche Vorschriften sind hierfür unerlässliche Voraussetzung. Die Autoren betonen in ihrem 2. Kapitel nicht umsonst die Begriffe „Verantwortung“ und „Vermeidung von Risiken“ aufseiten der Baubeteiligten bei einer baulichen Modernisierung. Wer unbedarft ins Verderben rennt, hat mit den Folgen zu leben! Die Gefahr, etwas falsch zu machen, ist größer, als alles richtig zu machen.

Grundlagenermittlung, Gutachten, Fachplaner, Qualität, Fachleute und Risikovermeidung, das sind alles bewusst gewählte Begriffe der Verfasser, die aufzeigen, wie gründlich und exakt eine Bausanierung abzulaufen hat. Hinzukommen Qualifikationsnachweise, ausreichender Arbeits- und Versicherungsschutz der Bauausführenden, um die Risiken zu minimieren. Schadstoffe heißen auch deshalb so, weil sie Schaden beim Menschen anrichten können! Nur nachweisliche Experten, die sich damit auskennen, sind in der Lage, beispelsweise asbestverseuchte Baumaterialien gefahrlos zu entsorgen.

Im Anschluss daran, Kapitel 3, folgen die „Datenblätter Schadstoffe“. Auf rund 70 Druckseiten werden die wichtigsten Daten und Fakten zu den häufigsten Schadstoffen in Gebäudeteilen aufgelistet und dokumentiert. A, wie Asbest, macht dabei den unrühmlichen Anfang. Neben vielen anderen Schadstoffen finden wir hier auch Blei, ein Blut- und Nervengift, das gern bei Trinkwasser-Leitungen eingesetzt wurde, aber spätestens seit dem 1. Dezember 2013 auf der Verbotsliste steht. Die Datenblätter sind in ihrer Systematik und Aussagekraft kaum zu überbieten, so dass sie eine exakte Einsicht in den jeweiligen Schadstoff vermitteln. Regelwerke, Kategorien und Begriffe beenden das informative Kapitel leicht verständlich und nachvollziehbar.

Wer nicht gern liest, kommt im Kapitel 4 auf seine Kosten. Knapp 100 Druckseiten zeigen ausschließlich Abbildungen, natürlich mit Beschreibung, wo sich die Schadstoffe in unseren Gebäuden verstecken können. Nahezu überall finden wir sie in Bauteilen, in Konstruktionsabschnitten und in technischen Anlagen. Eine einzigartige Zusammenstellung, wie wir es von Publikationen des Rudolf Müller Verlages gern sehen: Bild schlägt Text! Näher an der Praxis geht einfach nicht! Normen, Rechtsvorschriften und zusätzliche Literaturhinweise runden das gelungene Werk fachspezifisch ab.

Fazit: Letztens las ich in einem Faltblatt zu Sondermüll: „Schadstoffe – kleine Menge, große Wirkung“! Diese Aussage trifft den wahren Kern. Das vorliegende Handbuch katalogisiert die Schadstoffvorkommen systematisch, wie wir sie in Bestandsbauten leider allzu oft antreffen. Es zeigt die Schadstoffrisiken beim Bauen im Bestand explizit auf und liefert nützliche Handlungsempfehlungen, um die Gefahrenherde zu unterbinden. Viel zu viele Schadstoffe bekleiden unser tägliches Leben, nicht nur in Gebäuden. Ein Fachwerk, das der allgemeinen Gesundheit dient. Erstaunlich eigentlich nur, dass solch ein nutzbringendes Buch 2016 als Neuerscheinung erstmalig den Markt betritt, um wissenschaftlich fundiert auf die Probleme aufmerksam zu machen. Schadstoffe erkennen und richtig reagieren, soll heißen, der ganze Sondermüll muss auch korrekt entsorgt werden. Dipl.-Ing. (FH) Uwe Morchutt

Bibliografische Daten
Schadstoffe im Baubestand
Erkennen und richtig reagieren – mit Katalog nach Bauteilen und Gewerken
Von Hans-Dieter Bossemeyer, Stephan Dolata, Uwe Schubert und Gerd Zwiener.
2016. 17 x 24 cm. Gebunden. 282 Seiten mit 328 Abbildungen und 4 Tabellen.
Buch: 59 Euro
ISBN 978-3-481-03242-5
E-Book: 47,20 Euro
ISBN 978-3-481-03243-2
Verlagsgesellschaft Rudolf Müller GmbH & Co. KG
URL: www.baufachmedien.de