Buchtipp (5. April 2016)

Wärmebrücken

Rätselhaft, verkannt und falsch interpretiert, die Rede ist nur von Wärmebrücken. Was sind eigentlich Wärmebrücken? Der Volksmund sagt ja gern „Kältebrücken“ dazu. Was zwar den berühmten Nagel trifft, aber bauphysikalisch unkorrekt ist, weil der Begriff „Kälte“ in der Physik nicht existiert.

   

Wärmebrücken sind Bereiche innerhalb der Gebäudehülle, an denen, verglichen mit den umgebenden Bauteilen, ein höherer Wärmeverlust auftritt. In der Regel handelt es sich dabei um einen Bauteilanschluss oder eine Ecksituation, an der die durchgehende Außenhülle des Hauses unterbrochen und geschwächt wird, so dass ein Wärmeverlust auftreten kann. Der Fachmann nennt dieses Phänomen geometrische Wärmebrücken. Ebenso können Materialwechsel zu Wärmebrücken führen, die dann stoffliche Wärmebrücken darstellen. Durchaus im Bereich des Vorstellbaren ist, wenn beide Arten sich überlagern!

Materialbedingte Wärmebrücken entstehen durch Konstruktionen mit Materialien, die über eine unterschiedliche Wärmeleitfähigkeit verfügen. Typische Vertreter sind: aufliegende Stahlbetondecken auf Außenwänden, Ringanker, Heizkörpernischen, Fenster- und Türanschlüsse, Fußpunkte von Außenwänden auf der Bodenplatte, Fensterstürze sowie Fachwerkwände.

Geometrischbedingte Wärmebrücken entstehen, wenn eine kleine Fläche, die Wärme liefert, einer größeren Fläche, die Wärme abgibt, gegenübersteht. Typisch hierfür sind: Innen- und Außenecken, Vor- und Rücksprünge von Außenwänden.

Wärmebrücken sind vor allem deshalb kritisch zu sehen, neben dem Wärmeverlust natürlich, weil betroffene Bauteile eine niedrigere Oberflächentemperatur aufweisen. Wird der Taupunkt unterschritten, kann die Feuchtigkeit in der Luft kondensieren, so dass Schimmelpilzbildung die Folge sein kann. Des Weiteren können die unterschiedlichen Temperaturen zu Spannungen in den Bauteilen und möglicherweise zu Rissbildungen führen.

   

Mit Sicherheit gibt es kaum ein Bauwerk ohne Wärmebrücken. Es gilt sie also zu minimieren und zu optimieren. Damit dieser hohe Anspruch gelingen kann, hat das dreiköpfige Autorenteam, bestehend aus drei „Wärmebrücken-Experten“, das Fachwerk „Wärmebrücken“ in der zweiten Auflage auf den Markt gebracht. Anlass für die Überarbeitung war die modifizierte EnEV, die seit dem 1. Januar 2016 verschärfte Anforderungen an Neubauten postuliert. Bekanntermaßen versucht der Gesetzgeber die Energieeinspar-Anforderungen an Neubauten seit vielen Jahren tröpfchenweise zu verschärfen, damit ja keiner überfordert wird.

Begonnen hat alles einmal am 1. November 1977, als die erste Wärmeschutzverordnung – WärmeschutzV – ins Leben gerufen wurde. Seither sind fast 40 Jahre ins Land gegangen. Vier Jahrzehnte zögerliches Hantieren mit Energieeffizienz-Anforderungen. Tausende Gebäude, die in diesem Zeitraum errichtet wurden, müssen nun nachträglich gedämmt werden, zum Beispiel bei einem Besitzerwechsel, weil sie heutigen Anforderungen nicht gerecht werden! Wer als Bauherr mit dem Gedanken spielt zu bauen, der sollte von Anfang an das energieeffiziente Bauen optimieren, da die EnEV sowieso immer nur Mindestanforderungen postuliert! Jeder nachträgliche Eingriff in die bestehende Bausubstanz birgt zudem Risiken! Man beachte stets dabei, dass eine dichter werdende Gebäudehülle auch immer ein adäquates Lüftungsregime erfordert!

   

Um es vorweg zu sagen, das Buch, das so hübsch gebunden vor mir liegt, ist ein wirkliches Fachwerk, welches sich explizit an Fachleute wendet. Ich behaupte einmal, dass Baulaien mit dieser Materie quasi an ihre Grenzen stoßen. Die modifizierte EnEV rückt den Wärmebrücken-Nachweis obendrein weiter in den Vordergrund, so dass nur noch Experten den Zusammenhang zwischen Wärmebrückenzuschlägen und unwirtschaftlichen Dämmstoffdicken wirklich begreifen. Je energieeffizienter Gebäude werden, desto größer wird der Einfluss von Energieverlusten oder die Bedeutung von Wärmebrücken.

Wärmebrücken kann man übrigens auch rechnerisch nachweisen, was aber diffizil und anspruchsvoll ist, insbesondere dann, wenn es sich um hoch wärmegedämmte Gebäude handelt. So genannte KfW-Effizienzhäuser und Passivhäuser, die energieeffizient und wirtschaftlich sein sollen, erfordern obendrein die Kenntnis der Wärmebrückenzuschläge, um unwirtschaftliche Dämmstoffdicken vermeiden zu können. Eine günstige KfW-Förderung sieht dann so aus: Je geringer der Energiebedarf bei der neuen Immobilie ist, desto höher ist der Tilgungszuschuss! Das heißt, desto weniger muss man vom KfW-Kredit zurückzahlen.

Gemessen wird die energetische Qualität anhand des Jahresprimär-Energiebedarfes QP und des Transmissions-Wärmeverlustes H’ T (Wärmestrom). Für beiden Kennzahlen definiert die Energieeinsparverordnung Höchstwerte, die ein vergleichbarer Neubau erfüllen muss. Aus dem Vergleich erfolgt dann die Zuordnung in einen der Förderstandards. Ein KfW-Effizienzhaus 100 entspricht den Vorgaben der EnEV für den Neubau. Ein KfW-Effizienzhaus 70 hat einen Jahresprimär-Energiebedarf von 70 Prozent eines vergleichbaren Neubaus nach EnEV, ein KfW-Effizienzhaus 55 sogar nur 55 Prozent.

Was kompliziert klingt, ist in diesem Fall auch so! Der kleinste Fehler in der Berechnung oder ein Fehler in der baulichen Umsetzung, was ja ganz schnell passieren kann, liefert schlechtere Ergebnisse, als die gewünschten. „Wärmebrücken“ beantwortet alle Fragen rund um den Nachweis von Wärmebrücken sowohl für den Neubau als auch für den Gebäude-Bestand. Insbesondere im Altbau werden die typischen Defizite aufgedeckt, beispielsweise anhand der Thermografie, um sie bei der Sanierung zu beheben. Fehler der Bauleute oder Mängel an der Baukonstruktion werden so mehrfarbig ins Licht gesetzt. Das lukrative Geschäft mit der energetischen Sanierung treibt darüber hinaus so manche Blüte!

Die Thermografie visualisiert unverhüllt die Wärmeströme eines Hauses, so dass sämtliche Wärmebrücken sichtbar werden. Schritt für Schritt bekommt der Interessent die Nachweise, die die moderne Baulehre parat hält: detaillierte Wärmebrückenberechnungen nach DIN EN ISO 10211, Gleichwertigkeitsnachweise nach DIN 4108 Beiblatt 2 sowie die Besonderheiten bei KfW-Effizienzhäusern. An drei anschaulichen Beispielen zeigen die Autoren, wie man Details und Anschlüsse optimiert und helfen so, Wärmebrücken zu minimieren und Kondensat zu unterbinden.

   

Beispielhaft werden ein Einfamilienhaus als Holztafelbau, ein Einfamilienhaus als Massivbau und Bestandsgebäude mit Wärme-Dämm-Verbund-System (WDVS) expliziert in Bezug auf Wärmebrücken hin untersucht, berechnet und beleuchtet. Detaillierte Beschreibungen und visuell ins Bild gerückte Darstellungen zeigen unmissverständlich, wie vielfältig uns Wärmebrücken im Alltag begegnen können. Egal, ob Bodenplatte, Fensterlaibung oder Dachgeschoss, drohende Wärmeverluste sind überall dort anzutreffen, wo nicht korrekt geplant und unsauber gearbeitet wurde.

Dieser fortwährende Gedanke an die latente Existent von Wärmebrücken führt den Leser durch das komplette Werk, so dass er einen guten Einblick in die bisweilen verborgene Welt der Wärmebrücken erhält, um sich damit fachlich auseinanderzusetzen. Eine Übersicht über die sich am Markt etablierten Software-Programme, mit deren Hilfe Wärmebrücken-Nachweise geführt werden können, rundet das Werk sinnvoll ab. Darüber hinaus bietet der Verlag einen Zugang zu Excel-Arbeitshilfen und einem gratis Programm Namens „Therm“ an, so dass sich auch auf diesem Weg Wärmebrücken-Nachweise einfach, sicher und ohne spezielle Software erstellen lassen.

Fazit: Das Wissen über Wärmeverluste innerhalb eines Gebäudes hat in den letzten Jahren enorm zugenommen, weil das energiesparende Bauen es quasi herausgekitzelt hat. Die 2. Auflage dieses Buches wurde schon deshalb komplett aktualisiert und erweitert. Neue Beispielrechnungen und farbig ins Bild gesetzte Details zu Wärmebrücken im Holzbau, Massivbau (bei hoch wärmegedämmten Ziegeln), bei Sanierungen mit WDVS sowie zu verschiedenen Fensterkonstruktionen und Anschlüssen demonstrieren die Anstrengungen einer gesamten Branche, den Energiefressern auf die Spur zu kommen, um sie baulich zu minimieren und besser unter Kontrolle zu bringen.

Die bisweilen erklärungsbedürftige Welt der Wärmebrücken wird mit diesem Fachbuch begreifbarer und plausibler, damit sich die Wärmeverluste innerhalb eines energieeffizienten Bauwerkes besser erkennen, berechnen und optimieren lassen: sowohl im Einklang mit der Gebäudesubstanz als auch zum Wohle der Bewohner und der strapazierten Umwelt. Wärmebrücken reduzieren heißt in der Praxis auch latente Feuchte zu vermeiden! Bereits vorhandenes Fachwissen, ich denke hier vor allem an bauphysikalische Zusammenhänge, hilft beim Umgang mit der anspruchsvollen Materie! Dipl.-Ing. (FH) Uwe Morchutt

Bibliografische Daten
Wärmebrücken
erkennen – optimieren – berechnen – vermeiden
Von Johannes Volland, Michael Pils und Timo Skora.
2., aktualisierte und erweiterte Auflage 2016. Gebunden. 17 x 24 cm. 419 Seiten mit 452 farbigen Abbildungen und 133 Tabellen. Excel-Berechnungshilfen stehen zum Download bereit:
Buch: 69 Euro - Subskriptionspreis bis 31. Mai 2016
Buch: 79 Euro - Preis ab 1. Juni 2016
Buch: ISBN 978-3-481-03364-4
E-Book: 55,20 Euro
E-Book: ISBN 978-3-481-03365-1
Verlagsgesellschaft Rudolf Müller GmbH & Co. KG
URL: www.baufachmedien.de/waermebruecken.html