Novellierte Abfallverzeichnisverordnung – AVV (23. März 2016)

Alte EPS-Dämmung gilt als Sondermüll!

Wozu leisten wir uns eigentlich einen teuren Verbraucherschutz, den die Steuerzahler finanzieren, wenn privater Umsatz und Profit über der Gesundheit stehen? Nur zwei Beispiele sollen belegen, wie prekär die Lage ist. Tausende Dieselfahrzeuge, die auf unseren Straßen einen viel zu hohen Stickoxid-Ausstoß (NOx) in die Luft blasen, müssten alle von unseren Straßen verschwinden. Man kann es auch Fahrverbot nennen! Ähnlich verhält es sich mit den Dämmstoffen aus Styropor, die großflächig an unseren Gebäudewänden kleben. Die Werbung verspricht nach wie vor vollmundig, dämmen sie ihr Haus, um Energie zu sparen! Inzwischen sind Jahre ins Land gegangen: Jetzt ist es offiziell, was Experten seit langem wissen: WDVS mit HBCD müssen beim Rückbau als Sondermüll entsorgt werden! Hausbesitzer und Mieter, die bereits die Montage bezahlen mussten, müssen eines Tages auch für die teure Entsorgung aufkommen! Solange leben sie Wand an Wand mit HBCD!

Dämmstoffe aus Styropor sind wegen Verwendung des Brandhemmers HBCD (Hexabromcyclododecan) schon länger in die Kritik geraten. HBCD wird in mehreren Produkten verwendet, vor allem aber in erdölbasierten Dämmstoffen für Gebäude, die unter dem Namen Polystyrol (auch: Styropor, EPS, XPS) auf dem Markt sind. Es verzögert die Entzündung von Kunststoffen und die Ausbreitung von Flammen. Nach Angaben der Europäischen Chemikalienagentur ECHA wurden 2006 jährlich in Europa circa 12 000 Tonnen HBCD eingesetzt.

Weltweit sieht die so genannte Stockholm-Konvention ein Verbot vor, in der Europäischen Union wird diese mit der so genannten POP-Verordnung umgesetzt. POP steht für persistente organische Schadstoffe. Aufgrund einer Maßgabe des Bundesrates vom 25. September 2015 im Zuge der Novellierung der AVV sind nach deren In-Kraft-Treten Abfälle, die persistente organische Schadstoffe (POP) enthalten, wie HBCD-haltige Dämmplatten mit ca. 7000mg/ kg HBCD, als gefährlicher Abfall einzustufen.

Kürzlich wurde eine „kleine Anfrage“, datiert vom 15. Oktober 2015, im hessischen Landtag beantwortet, die am 3. Dezember 2015 publiziert wurde. Hier Auszüge daraus:

Betreff: Entsorgung von Styropor/Polystyrol

Frage 1: Um welches geschätzte Volumen handelt es sich in Hessen bei dem verbauten wärmedämmenden Polystyrol?
Es liegen keine länderspezifischen Erhebungen vor, um welches Volumen es sich bei dem als Dämmstoff verbauten Polystyrol handelt. Gemäß einer Kurzzusammenfassung eines Berichts des Fraunhofer IBP und des Forschungsinstituts für Wärmedämmung e.V. München "Rückbau, Recycling und Verwertung von Wärme-Dämm-Verbund-Systemen (WDVS) kann davon ausgegangen werden, dass bundesweit zwischen 1960 bis 2012 insgesamt 900.000.000 m² Wärmedämmverbundsysteme verbaut wurden, davon entfallen etwa 720.000.000 m² auf Systeme mit einer Dämmung aus expandiertem Polystyrol (EPS).“ Abhängig von der Dicke des Dämmstoffs ergibt sich daraus eine Gesamtmasse zwischen 646 und 1570 Kilotonnen. Eine verlässliche Zahlenbasis für das zu erwartende Rückbauvolumen in den kommenden Jahren gibt es bislang nicht.

Frage 2: Welche Recyclingtechnologien sind erprobt?
Technologien zum Recycling, also zur stofflichen Verwertung von Polystyrol aus WDVS, sind aktuell nicht verfügbar. Allerdings laufen derzeit Forschungsarbeiten am Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung IVV. Dies würde eine Abtrennung der im Polystyrol der WDVS enthaltenen bromierten Flammschutzmittel, insbesondere des Hexabromcyclododecan (HBCD), mit einbeziehen. Informationen, ob und bis wann eine derartige Erstanlage realisiert werden könnte, liegen dem Ministerium für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz aktuell nicht vor.

Frage 3: Ist bei Entsorgungstechnologien in Verbrennungsanlagen mit besonderen Schadstoffen zu rechnen?

Frage 4: Um welche Schadstoffe handelt es sich dabei im Wesentlichen?
Wegen des Sachzusammenhangs werden die Fragen 3 und 4 gemeinsam beantwortet. Das Polystyrol enthielt seit den 1960er Jahren bis August 2015 Hexabromcyclododecan (HBCD) als - aufgrund von Bauvorschriften erforderliches - Flammschutzmittel. HBCD ist 2011 als so genannter PBT-Stoff (persistent, bioverfügbar, toxisch) in Anhang XIV der europäischen Registration, Evaluation, Authorisation and Restriction of Chemicals (REACH)-Verordnung 1907/2006 aufgenommen worden. Daraus resultiert ein Verwendungsverbot für HBCD ab dem 21. August 2015. Laut den Herstellern von Dämmstoffen in Deutschland erfolgte beginnend im Januar 2013 bis August 2015 eine Umstellung von HBCD auf andere, nicht problematische Flammschutzmittel.

Frage 5: Sind bei den Verbrennungsanlagen besondere Filtertechnologien erforderlich, um Grenzwerte einzuhalten?
Die heute betriebenen Abfallverbrennungsanlagen verfügen über eine sehr aufwändige Rauchgasreinigungstechnik, um die strengen Grenzwerte der Verordnung über die Verbrennung und Mitverbrennung von Abfällen - 17. BImSchV - einhalten zu können. Zusätzliche Filtertechnologien sind nicht erforderlich.

Frage 6: Entstehen beispielsweise aus Flammschutzmitteln in Polystyrol besondere weitere Probleme bei der Verbrennung?
Nein. Wie in der Antwort zu Fragen 3 und 4 bereits ausgeführt, trägt die Verbrennung in Abfallverbrennungsanlagen nach dem Stand der Technik nicht zur Entstehung anderer POP oder sonstiger relevanter Schadstoffe bei.

Frage 7: Welche Verbrennungsanlagen in Hessen sind derzeit für die Verbrennung von Polystyrol zugelassen?
Die vier in Hessen betriebenen Müllheizkraftwerke sind für die Verbrennung HBCD-haltiger Dämmstoffe zugelassen. Solche Abfälle werden in diesen Anlagen auch entsorgt. Allerdings werden HBCD-haltige Dämmstoffe nach Inkrafttreten der in Kürze zu erwartenden Änderung der EG-POP-Verordnung in den Abfallschlüssel 17 06 03* als gefährlicher Abfall einzustufen sein.

Frage 8: Ist bei der Verbrennung eine Vermischung des Polystyrols mit weiteren zur Verbrennung vorgesehenen Stoffen erforderlich?
Ja, insbesondere wegen des hohen Heizwertes des Polystyrols ist für eine fachgerechte Verbrennung die Mischung mit anderen Abfällen im Bunker der Müllheizkraftwerke wesentlich.

Frage 9: Ist als Entsorgung für Polystyrol auch die Deponierung vorgesehen?
Nein. Eine Ablagerung auf einer oberirdischen Deponie ist nach den Vorgaben der EG-POP-Verordnung nicht zulässig.

Anlass für die Sorge ist ein Änderungsantrag zur Novelle der Abfallverzeichnis-Verordnung (AVV), der von Hessen eingebracht wurde und in der Länderkammer eine Mehrheit fand. Danach werden alle Abfälle, welche die in Anhang IV der POP-Verordnung der EU in der jeweils geltenden Fassung gelisteten Konzentrationsgrenzen der persistenten organischen Schadstoffe (POP) überschreiten, als gefährlich eingestuft.

Problematisch dürfte insbesondere die Entsorgung von Dämmplatten aus Polystyrol- oder Polyurethanschäumen werden, die das Flammschutzmittel Hexabromcyclododecan (HBCD) enthalten. So will die EU-Kommission für diesen Stoff in der POP-Verordnung einen Grenzwert festlegen. Das könnte bedeuten, dass in Deutschland künftig bis zu 200.000 Tonnen HBCD-haltige Wärmedämmstoffe pro Jahr aus dem Baubereich als gefährliche Abfälle entsorgt und dabei entweder energetisch verwertet oder beseitigt werden müssen.

Das Umweltbundesamt empfiehlt, alternative Dämm-Materialien wie Mineralwolle, Schaumglas oder Blähton oder Dämmstoffe auf Basis von nachwachsenden Rohstoffen zu verwenden. Polyurethan kommt ebenfalls ohne speziellen Brandschutz aus. Neue Polystyrol-Dämmstoffe enthalten laut Hersteller kein HBCD mehr.

Fazit: Das verbaute Volumen an Dämmplatten, das HBCD enthält, kennt übrigens niemand, weil die gesamte Menge, die an unseren Gebäuden klebt, nicht bekannt ist. Darüber hinaus gibt es bis jetzt keine Recycling-Technologie, die diese als gefährlich eingestuften Stoffe gefahrlos entsorgt. Man arbeitet zwar an der Technologie, wann sie aber verfügbar ist, weiß keiner. Die POP-Verordnung feiert übrigens in diesem Jahr ihr zwölfjähriges Bestehen!

Der Bundesrat hat am 25. September 2015 eine "Verordnung zur Umsetzung der novellierten abfallrechtlichen Gefährlichkeitskriterien" beschlossen. Darin steht: "Abfälle, bei denen mindestens eine der in Anhang IV der Verordnung (EG) Nr. 850/2004 … genannten Konzentrationsgrenzen für persistente organische Schadstoffe erreicht oder überschritten ist, werden als gefährlich eingestuft." Damit werden HBCD-haltige EPS- und XPS-Dämmplatten zu gefährlichem Abfall, weil der gemäß Anhang IV der POP-Verordnung für HBCD geltende Grenzwert von 1.000 ppm überschritten ist (die Konzentration in HBCD-haltigem EPS beträgt etwa 7.500 ppm). Die Dämmstoff-Lobby sieht diese Risiken natürlich ganz anders! Ist doch die nachträgliche Dämmung der Außenwände ein Milliardenmarkt! umo

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Verordnung über persistente organische Schadstoffe - „Persistent Organic Pollutants“ - POP. Die Verordnung (EG) Nr. 850/2004 vom 29. April 2004 über persistente organische Schadstoffe und zur Änderung der Richtlinie 79/117/EWG wurde am 30. April 2004 im Amtsblatt veröffentlicht. Die Stockholm-Konvention ist ein internationales Übereinkommen zur Beendigung oder Einschränkung der Produktion, Verwendung und Freisetzung von persistenten organischen Schadstoffen.

Die Chemikalien der Stockholm Konvention werden in den Anlagen A, B, und C aufgelistet.
Anlage A listet die zu eliminierenden POP auf: Aldrin, Chlordan, Chlordecone, Dieldrin, Endrin, Heptachlor, Hexabrombiphenyl, Hexa- und Heptabromdiphenyl Ether, Hexachlorbenzol, Alpha Hexachlorcyclohexan, Beta Hexachlorcyclohexane, Lindan, Mirex, Pentachlorbenzol, polychlorierte Biphenyle (PCB), technisches Endosulfan, Tetrabromdiphenyl Ether und Pentabromdiphenyl Ether, Toxaphen, Hexabromcyclododecan (HBCD).