Buchtipp (5. August 2015)

Handbuch Bauwerksprüfung
Standsicherheit, Verkehrssicherheit, Dauerhaftigkeit

Eigentum verpflichtet, so steht es in Artikel 14 des Grundgesetzes! Wer also ein Bauwerk besitzt, der muss sich um sein Wohlergehen kümmern. Immer vorausgesetzt, es wurde fehler- und mangelfrei erstellt und baulich abgenommen. Denn erst mit der vollzogenen Abnahme geht es in die Verantwortung des Auftraggebers (Eigentümers) über. Etwaige kleinere Mängel, die keinen Aufschub der Abnahme begründen, müssen vom Ersteller innerhalb einer gesetzten Frist, spätestens aber bis zum Ende der Gewährleistungsphase (spätestens nach fünf Jahren, BGB) abgestellt werden.

Berühmtestes Beispiel für einen Baumangel, obgleich dieser dem Bauwerk zu ungeahnten Weltruf verhalf, ist der „Schiefe“ Turm von Pisa. Woran sich tausende Touristen jedes Jahr ergötzen, ist die mangelnde Tragfähigkeit des Untergrundes, der den Turm in seine prekäre Schieflage gebracht hat! Pfusch am Bau gab es also schon im 14. Jahrhundert, der Glockenturm wurde komplett 1372 fertiggestellt (Grundsteinlegung war am 9. August 1173)! Heute ist der Auftraggeber für die Untersuchung des Untergrundes verantwortlich!

Bauwerke sind während ihrer langen Lebensdauer vielfältigen Belastungen ausgesetzt, so dass ein Bauwerk unterschiedlich darunter leidet und seine Nutzung sogar in Gefahr geraten kann. Viele Bauwerke, hier vor allem Verkehrswege, Brücken und Tunnel, sind in Deutschland in die Jahre gekommen, so dass das stetig wachsende Verkehrsaufkommen schon lange nicht mehr den einstigen Berechnungen entspricht.

Hier nur zwei aktuelle Bespiele, die das Gesagte bestätigen sollen: Die Schiersteiner Brücke zwischen Wiesbaden und Mainz sowie die Brücke zwischen Köln und Leverkusen sind typische Vertreter, die sprichwörtlich an der Grenze des Ertragbaren angelangt sind. In den 1960er Jahren erbaut, versagen diese Bauwerke partiell ihren Dienst. Zum Glück ist noch keiner zu Schaden gekommen!

Spektakuläre Fälle von Tragwerksversagen rücken so die Bauzustandsanalyse immer stärker in den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung. Während für die Prüfung von Verkehrsbauwerken ein dediziertes Regelwerk rund um die DIN 1076 erstellt wurde, werden die Vorgaben für den Hochbau u.a. in der VDI 6200 postuliert.

In den Bauvorschriften liest sich das so: Bauwerke sind nach §3 der Musterbauordnung (MBO) bzw. der jeweiligen Landesbauordnungen so instand zu halten, dass die öffentliche Sicherheit und Ordnung, insbesondere Leben, Gesundheit und die natürlichen Lebensgrundlagen nicht gefährdet werden.

   

Das druckfrische „Handbuch Bauwerksprüfung“ erläutert erstmals ausführlich die technischen und rechtlichen Regeln und vermittelt das nötige Fachwissen zur sicheren und fachkundigen Zustandsprüfung im Bauwerksbestand. Anhand von Praxisbeispielen wird das Erkennen von Mängeln und Schäden sichtbar, was bei der Bewertung von Nutzen ist. Das jeweilige Gefährdungspotenzial kann so besser eingeschätzt werden.

Ein Blick in das großformatige Druckwerk soll die inhaltliche Auseinandersetzung mit der aktuellen Materie forcieren und seine Wertschätzung erhöhen. Das Autorenteam, unter der Leitung von Prof. Mertens, der zugleich auch als Herausgeber fungiert, besteht aus 18 Experten, die sich intensiv mit den Anforderungen der Bauwerksprüfung auseinandersetzen.

Ein gutes Fachbuch lebt genauso wie das Bauen selbst von seiner Systematik. Die Verkehrsbauwerke, in der Fachsprache auch Linienbauwerke genannt, eröffnen den Reigen der intensiven Bauwerksbetrachtung. Vielleicht auch deshalb, weil sie in Deutschland besonders leiden müssen und deshalb einer gründlichen Pflege bedürfen..

Gesetzliche Grundlagen, technische Regeln und Vorschriften, an denen niemand vorbeikommt, weisen den Weg in die korrekte Handlungsweise. Gefolgt von der Organisation, den Ablauf und die Kosten der Bauwerksprüfung, die eine professionelle Umsetzung sicherstellen. Bereits in Kapitel 1.3 wird die Aufmerksamkeit des Lesers auf die wichtigen Schadensursachen und Schwachstellen typischer Konstruktionen gelenkt. Denn das Bauen ist gar nicht so schwer, wenn man weiß, wie es geht. Der Campanile in Pisa wäre beispielsweise nicht schief, wenn man die Fehler, die zur Schieflage geführt haben, vermieden hätte! Ein Baugrundgutachten, wie wir es heute nutzen, hätte dem Turm beispielsweise seine immense touristische Attraktion entzogen! Wäre er jedoch normal, also gerade, würde ihn wiederum kaum einer kennen!

Die meisten Schäden bei Verkehrsbauten entstehen durch die Nutzung und Dauerbelastung, so dass auch das fehlerfreie Bauwerk irgendwann Schaden nimmt. Die ausführliche Schadenserfassung an Bauwerken erzählt uns Kapitel 1.4. Einen wichtigen Aspekt bei der Schadensträchtigkeit stellt das Wetter dar. Insbesondere Frost-Tau-Wechsel, extreme Hitze und Kälte sorgen dafür, dass Bauwerke unter Stress geraten. Materialverschleiß bis hin zum Materialversagen, alles unter hoher Belastung, sind logische Folgen!

Unzählige Fallbeispiele, die visuell geschickt ins Licht gerückt werden, verdeutlichen in beispielhafter Deutlichkeit das immense Schadensausmaß. Der Interessent erhält so einen glänzenden Einblick in die Vielfalt von Bauwerksschäden. Die bildhafte Sprache der Schäden, die drastischer kaum sein könnte, sichert eine konkrete Bewertung noch vor Ort, so dass die richtigen und behänden Schlussfolgerungen für die Schadensbehebung ergriffen werden können. Ein Brückenschaden, der zur Sperrung führen kann, erzeugt immer auch Unmut beim Nutzer. Deshalb ist hier in der Regel Eile geboten. Bevor das Kapitel endet, wird ein Beispielgutachten, also eine objektbezogene Schadensanalyse, durchgespielt. Die systematische Vorgehensweise lässt sich anhand dieses Beispieles praxisnah verfolgen.

Was für Verkehrsbauwerke gilt, nutzt man natürlich auch bei Hochbauten. Der aufgezeigten Einführungssystematik folgend, schließen sich die statisch-konstruktiven Schwachstellen bei Gebäuden an. Der Unterschied zu den Linienbauwerken zeigt sich darin, dass man über eine schadhafte Brücke drüber fährt, also den Schaden schnell hinter sich lässt. In einem Gebäude aber mit dem Schaden quasi Tür an Tür leben muss, was natürlich zu Beeinträchtigungen führen kann. Je nach Ausmaß des Schadens!

Selbst bei normaler Nutzung wird ein Bauwerk irgendwann Schadensmerkmale aufzeigen, weil die Nutzung zum Verschleiß führt. Das Autorenteam beschreibt ausführlich die wichtigsten Mängel und Schäden an Gebäuden, die in Abhängigkeit von der jeweiligen Konstruktion entstehen können. Bilder und erklärender Text fördern hierbei die Informationen hervor, die für die Schadensbeurteilung unumgänglich sind. Jeder Baulaie wäre erstaunt, welch' skurrile Gebilde Schäden visuell annehmen können. Interessant auch zu erfahren, wie differenziert baustoffspezifische Schadensursachen, Kapitel 3, einem Gebäude zusetzen können. Beton, Stahl und Holz werden hierbei besonders unter die Lupe genommen.

Der Begriff Bauwerksprüfung enthält das Wort Prüfung. Eigens dafür entwickelte Prüfverfahren sichern somit den Bauwerksprüfern das Prüfergebnis. In der Regel handelt es sich dabei um zerstörungsfreie Prüfverfahren, man will das Bauwerk ja nicht abreißen. Die geläufigsten Prüfverfahren werden beschrieben, erklärt und anwendungstechnisch eingeordnet. Hilfsmittel wie Software, ohne die heute gar nichts mehr geht, Arbeitssicherheit und Ausschreibungsformalien bis hin zum Honorar führen das Werk zum gut bestückten Anhang, wo Musterprüfberichte und Formularvordrucke auf den interessierten Leser warten.

Fazit: Ein enormes Werk, damit meine ich nicht nur das Format, wartet auf seine Zielgruppe. Ein Handbuch für Fachleute und Spezialisten, die ihr Handwerk verstehen und weiter vervollkommnen wollen. Das praxisbezogene Fachwerk gibt hierfür wichtige Entscheidungshilfen. Durch seine durchgängige Praxisbezogenheit erfährt das Werk die Bedeutung, die die Materie benötigt und verdient. Es geht also nicht um Luftschlösser, sondern um konkrete Bauobjekte.

Aufs Gewissenhafteste vom Menschen errichtete Bauwerke verdienen unsere Aufmerksamkeit und Respekt, damit sie erhalten bleiben und nachfolgenden Generationen das handwerkliche Können der jeweiligen Bauzeit vermitteln können. Die Bauwerksprüfung ist deswegen ein wichtiger Bestandteil für gelebte Bauwerkskunst. Es muss sicher nicht explizit erwähnt werden, dass es das Handbuch auch als E-Book gibt, so dass das nötige Fachwissen bei kritischen Fragestellungen zeitnah auf dem Laptop abrufbar ist.

Der 800 Jahre alte Glockenturm zu Pisa, dessen Neigung auf 3,97 m, also knapp vier Grad, verringert werden konnte, ist jetzt in etwa wieder so schief wie im Jahre 1800. Tonnenschwere Gewichte unter dem Fundament haben den berühmten „Baupfusch“ in die Lage versetzt, sich der staunenden Nachwelt weiterhin als skurriles Foto-Objekt zu präsentieren. Dipl.-Ing. (FH) Uwe Morchutt

Bibliografische Daten:
Handbuch Bauwerksprüfung
Standsicherheit, Verkehrssicherheit, Dauerhaftigkeit
Hrsg.: Prof. Dr.-Ing. Martin Mertens.
2015. DIN A4. Gebunden. 372 Seiten mit 524 Abbildungen und 51 Tabellen. Mit Download-Angebot.
Buch: 79 Euro, Subskriptionspreis bis 30. September 2015; danach 89 Euro
ISBN 978-3-481-03088-9
E-Book (PDF): 63,20 Euro, Subskriptionspreis bis 30. September 2015; danach 71,20 Euro
ISBN 978-3-481-03089-r
Verlagsgesellschaft Rudolf Müller GmbH & Co KG
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