Buchtipp (9. Februar 2015)

Bauen im Bestand
Katalog für die Altbauerneuerung

Ein Blick in die Altersstruktur unserer Gebäude in Deutschland verdeutlicht, dass über 95 Prozent aller Gebäude bis 2005 errichtet wurden. Das heißt: weniger als 5 Prozent sind aktuell jünger als zehn Jahre. Diese nüchternen Zahlen des Statistischen Bundesamtes, Wiesbaden, verraten, dass wir es mit einer riesigen Anzahl von bestehenden Bauwerken zu tun haben, die mehr oder weniger auf die heutigen Anforderungen umgerüstet werden müssen.

Das Zauberwort heißt energetische Modernisierung. Der komplizierte Eingriff in die bestehende Gebäudestruktur und deren bauphysikalischen Zusammenhänge erfordern aber ein individuelles Herangehen und viel Sachverstand, weil nahezu jedes Bauwerk, abhängig von der Zeit seiner Fertigstellung, unterschiedliche Baueigenschaften besitzt. Das Bauen im Bestand wird demzufolge zur Mammutaufgabe, die die Gebäudesubstanz weiterhin erhalten und nicht zerstören darf.

Ein wichtiger Einschnitt in die Bauausführung ist mit der ersten Wärmeschutzverordnung gegeben, die am 17. August 1977 im Bundesgesetzblatt publiziert wurde. Bei allen Gebäuden, die vor dieser Verordnung errichtet worden sind, ist mit einem geringen Wärmeschutz zu rechnen. Für die Gebäude vor 1945 gilt in der Regel, dass es sich hierbei um massive Mauerwerksgebäude handelt, die sich relativ unproblematisch modernisieren lassen.

Lasche und schleichende Gesetzesvorgaben bezüglich des Wärmeschutzes, insbesondere in den 1990er Jahren, es durfte ja keine Bauweise vor allzu große Probleme gestellt werden, rächen sich jetzt. Weil es immer welche gibt und gab, die nicht mitkommen oder es nicht wollen. Wie beispielsweise in der Schule. So verhält es sich mit den Wärmeschutz-Verordnungen, obwohl sie eigentlich nur Mindestanforderungen postulieren! Allein die riesige Zeitspanne, fast 40 Jahre, von der 1. WärmeschutzV 1977 (seit dem 1. November 1977 in Kraft) bis zur aktuellen EnEV 2014 sollte Anlass zum Nachdenken geben. Hier wurde viel, zu viel Potential verschenkt!

Die Annahme, die Defizite bei der Erstellung eines Gebäudes mal einfach so mit einer nachträglichen Wärmedämmung kaschieren zu können, ist und bleibt umstritten. Ob das jedes Gebäude verträgt oder nicht, sei dahin gestellt. Darüber hinaus soll ja alles auch noch wenig kosten und möglichst schnell gehen. Der unsachgemäßen Ausführung wird so vorsätzlich Vorschub geleistet. Des Weiteren befindet sich die überwiegende Mehrheit der Gebäude, wobei es sich vor allem um Ein- und Zweifamilienhäuser handelt, in Privatbesitz, so dass Postulate seitens der Politik kaum durchsetzbar sind. Noch dazu wohnt die Mehrheit der Hausbesitzer in den eigenen vier Wänden!

Um die Mängel und Bauschäden, die seit Jahrzehnten auf hohem Niveau sind, möglichst klein zu halten, möchte ich die Aufmerksamkeit auf ein stattliches Fachwerk lenken. Mit Bauen im Bestand, der 3., erweiterten Auflage, liegt ganz aktuell ein Fachbuch vor, das den Anspruch erhebt, ein umfassender Katalog zu Baukonstruktionen, Baustoffen, Baumängeln sowie Schadensanalysen zu sein. Ein fachmännischer Blick in das anerkannte Grundlagenwerk soll vor allem der inhaltlichen Auseinandersetzung mit der komplizierten Materie dienen. Das Schlimmste, was in der Baupraxis passieren kann, ist, wenn die Gebäude nach der Sanierung schadensträchtiger sind als zuvor. Ganz zu schweigen von der angestrebten Energieeinsparung!

   

Das kolossale Buch beeindruckt sicherlich nicht nur mich, wenn man es zum ersten Mal in den Händen hält. Knapp 530 Seiten, DIN A4, sechs Hauptkapitel, lässt man den Anhang einmal außen vor. Sorgfalt und Fleiß gepaart mit fachlichem Know-how widmen sich ausschließlich einem Thema: dem Bauen im Bestand. Die Baugeschichte, die hinter jedem Gebäude steckt, hat es gewiss auch verdient!

Einführende Grundlagen, Kapitel 1, offenbaren eine systematische Herangehensweise, in dem die Gebäude, entsprechend ihrer Entstehungszeit, baukonstruktiv beleuchtet werden. Der vorhandene Baubestand wird sozusagen entstehungsgeschichtlich beurteilt. Angefangen von den Fachwerkbauten, die keiner spezifischen Bauepoche zu zuordnen sind, über die 1920er Jahre bis zu den Gebäuden nach der Jahrtausendwende 2000. Also ein Betrachtungs-Zeitraum von ca. 100 Jahren. Die vier Bewertungskriterien lauten: typische Konstruktionsmerkmale, typische Mängel und Schäden, Maßnahmen sowie Schadstoffe. Anhand dieser Ergebnisse lassen sich die Bauwerke bereits bauspezifisch einsortieren, so dass sich typische Charaktereigenschaften herauskristallisieren, die für eine anstehende Modernisierung von Bedeutung sind.

Planen und Bauen im Bestand, ein weiterer Unterpunkt in diesem Kapitel, erörtert die Parameter eines Bauwerkes. Bezüglich des Wärmeschutzes, Schallschutzes, Brandschutzes sowie vorhandener Schadstoffe. Sinnvoll vereint geben sie Auskunft darüber, wie zur jeweiligen Zeit gebaut wurde. Selbstverständlich alles aus dem heutigen Bau-Wissensschatz. In kaum einer anderen Branche gibt es so viele Regeln, Gesetze und Verordnungen, um ein funktionsfähiges Bauwerk zu erstellen, so dass dieser Unterpunkt natürlich nicht fehlen darf. Kapitel 1 gibt insgesamt einen sehr guten Überblick über das Herangehen, um das Bauen im Bestand erfolgreich in Angriff nehmen zu können.

Nachdem uns die Autoren einen allgemeinen Überblick über die Gebäudetypologie und deren Problembehandlung geliefert haben, geht es an die individuelle Bestandsanalyse. Nur eine systematische Herangehensweise sichert ab jetzt den Erfolg. Der Autor nennt es die Methodik des Planens und Bauens im Bestand. Es besagt, dass es eine festgelegte Art des Vorgehens geben muss, um erfolgreich ans Ziel zu gelangen. Von der Gebäudediagnostik, über die Bewertung einzelner Bauteile bis hin zu Kosten und Folgekosten werden erprobte Bauwerksuntersuchungen angestellt, die beim Bauen im Bestand unabdingbare Lösungsschritte darstellen. Die aktuelle Gesetzesnovelle, die EnEV 2014, postuliert die Zielvorgaben aller Modernisierungsanstrengungen.

In Kapitel 3, 140 Druckseiten, werden die Bauteile und Baukonstruktionen eines Gebäudes unter die Lupe genommen. Von der Gründung bis zum Dach, alles was ein Haus ausmacht. Die bekannten Kenngrößen aus Kapitel 1 gelangen auch hier zum Einsatz, so dass die Systematik und Vergleichbarkeit beibehalten wird. Egal ob Türen, Fenster und Wände, alles wird auf Mängel, Schäden und Schadstoffe beleuchtet, um die entsprechende Sanierungslösung zu finden. In der Summe ein hervorragender Überblick über Gebäudeschwächen, die es zu korrigieren gilt.

Da ein modernes Gebäude nicht nur aus baulichen Anlagen besteht, müssen selbstverständlich auch die anlagentechnischen Ausrüstungen, Kapitel 4, überprüft werden. Wasser, Strom, Heizungs- und Lüftungsanlagen sowie Aufzüge sorgen bei einem Gebäude letztendlich für die entsprechende Wohnqualität, die der heutige Nutzer schlichtweg erwartet. Ein Blick in die Gebäudetechnik der letzten 100 Jahre verrät, dass gerade hier enorme Fortschritte erzielt worden sind Insbesondere mit dem Einzug elektronischer Steuerelemente sind die Effizienz und der Wohnkomfort immens gestiegen.

Was wäre ein Haus ohne Baustoffe? Kapitel 5, ebenso umfangreich wie Abschnitt 3, befasst sich ausführlich mit den Baustoffen und Materialien, die in den letzten 100 Jahren eine große Entwicklungsgeschichte durchlebt haben. Die bekanntesten Vertreter wie Mauerwerk, Beton, Holz, Glas, Metall, Putz, Estrich, Dämmstoffe und Fliesen veranschaulichen die Vielfalt an Baustoffen, aus denen unsere Gebäude bestehen. Typische Baustoffeigenschaften sowie Stärken und Schwächen von Baumaterialien werden hierbei umfassend beleuchtet und kritisch unter die Lupe genommen. Ebenso werden Schadstoffbelastungen sowie Mängel und Schäden von Baumaterialien ans Tageslicht gefördert.

Bevor ein ausgiebiges Literaturverzeichnis das Buch beendet, weisen die Autoren noch auf erprobte Analysemethoden und die dazugehörigen Geräte, Kapitel 6, hin. Moderne Prüfverfahren sichern zum einen den Bauerfolg und zum anderen sorgen sie für eine hohe, gleichbleibende Bauqualität.

Fazit: Bauen im Bestand ist in der Tat ein echtes Grundlagenwerk für die Instandhaltung und Instandsetzung, Sanierung, Renovierung sowie Modernisierung. Wer sich auf diesem Parkett bewegt, wie z.B. Planer, Bauausführende, Wohnungsbaugesellschaften, Verwalter und Eigentümer von Immobilien sowie private Bauherren, kommt an diesem Werk nicht vorbei. Fundiertes und geballtes Wissen, das seines gleichen sucht. Es geht übrigens nicht nur um die viel zitierte energetische Sanierung von Gebäuden, sondern vor allem auch um Schwachpunkte im Schall- und Feuchteschutz von Bestandsbauten!

Das Fachbuch beleuchtet die fachgerechte Analyse und Bewertung vorhandener Bausubstanz und stellt bauteilorientiert die typischen Schwachstellen des Gebäudebestands und die erforderlichen Maßnahmen für die mängelfreie Altbauerneuerung dar. Darüber hinaus erhält der Interessent den aktuellen Stand der allgemein anerkannten Regeln der Technik, der Regelwerke und Gesetze, insbesondere die Vorgaben der EnEV 2014, ohne die eine Modernisierung nicht zur mangelfreien Abnahme geführt werden kann.

Es erstaunt doch immer wieder, dass Akteure im Bausektor vor einer geringen Summe wie ein Fachbuch zurückschrecken, obwohl sie das Fachwissen nicht gerade gepachtet haben! Die zahlreichen Fehler beim Bauen kosten im Nachhinein das Vielfache einer Wissensannäherung im Vorfeld einer Baumaßnahme! Bauen im Bestand bietet eine exzellente Anleitung für Gebäude, die in die Jahre gekommen sind. Ein idealer Modernisierungsratgeber, der kaum Wünsche offenlässt und den verbreiteten Mängeln am Bau eine deutliche Abfuhr erteilt! Dipl.-Ing. (FH) Uwe Morchutt

Bauen im Bestand
Katalog für die Altbauerneuerung
Hrsg.: Bundesarbeitskreis Altbauerneuerung e. V. (BAKA).
Autor: Institut für Bauforschung e. V. (IFB).
3., aktualisierte und erweiterte Auflage 2015. DIN A4. Gebunden. 529 Seiten mit 773 Abbildungen und 54 Tabellen.
Buch: 89 Euro / ISBN 978-3-481-03230-2
E-Buch PDF: 71,20 Euro / ISBN 978-3-481-03234-0
Verlagsgesellschaft Rudolf Müller GmbH & Co. KG
URL: www.baufachmedien.de