Buchtipp (13. Mai 2014)

Innendämmung
Auswahl, Konstruktion, Ausführung

Nachträgliche Wärmedämmung heißt das beherrschende Motto im Bausektor. Was bei der Neuerrichtung von Gebäuden versäumt wurde, aus welchen Gründen auch immer, soll nun nachträglich kompensiert werden. Kommt eine Außendämmung nicht infrage, weil beispielsweise die Außenfassade erhaltenswert ist, wandert der Gedanke schon schnell einmal hin zur Innendämmung.

Obwohl die Innendämmung aus bauphysikalischer Sicht Bedenken aufwirft, ist sie durchaus eine Möglichkeit, die es ernsthaft zu prüfen gilt. Ernsthaft heißt hier akkurat geplant, die dafür geeigneten Materialien aufeinander richtig abgestimmt und die Ausführung fachgerecht durchgeführt. Nur wenn diese Punkte erfüllt sind, ist auch eine Innendämmung ein nützlicher Beitrag zur Energieeinsparung. Wer indes denkt, die Innendämmung ist mit einer Außendämmung in etwa gleichzusetzen, der hat die Rechnung ohne die bauphysikalischen Grundgesetze gemacht. Die Gebäudesubstanz wird jede unbedarfte Veränderung im Nachhinein schonungslos bestrafen, sei es durch Feuchteschäden und Substanzverlust.

   

Ein neuer Buchtitel auf dem Fachmarkt: Innendämmung - widmet sich dieser diffizilen Materie. Anlass genug, einmal genauer hinzusehen, was der Autor, Klaus Arbeiter, Interessantes zusammengestellt hat. Bemerkenswert, weil selten, beginnt der Autor sein Werk mit einem dreiseitigen Vorwort. Das zeigt die Brisanz der Problematik. Denn die Innendämmung ist unaufhaltsam auf dem Vormarsch. Jeder, der damit zu tun hat, will ein Stück vom großen Kuchen (Marktanteil) abbekommen. Kommt einem irgendwie bekannt vor! Bleibt nur zu hoffen, dass die Hauseigentümer samt ihrer baugeschichtlich prägenden Gebäude, die häufig eine schützenswerte Außenansicht haben, nicht unter dem Dämmwahn unwiderruflich Schaden nehmen und so der Nachwelt erhalten bleiben.

Positiv fällt auf, dass hier ein Mann aus der Praxis für die Praxis referiert, so dass es gleich zur Sache geht. Begriffe wie systematisch und das System als Ganzes zu betrachten, fallen dem aufmerksamen Beobachter sofort ins Auge (Kapitel 1). Gleich danach folgen die bauphysikalischen und praktischen Risiken einer Innendämmung. Allein dieser Einstieg zeigt, dass wir es hier mit einer anspruchsvollen Thematik zu tun bekommen. Nicht von ungefähr beginnt die Rezension mit dieser Terminologie.

Arbeiter sieht in der hygrothermischen Simulationsberechnung (siehe auch: WTA Merkblatt 6-1-01/D) im Vorfeld einer anstehenden Innendämmung eine geeignete Prüfmethode, um die allgemein anerkannten Regeln der Technik praktisch umzusetzen, so dass bei eintretendem Schadensfall ohne diesen Planungsschritt das Fachunterunternehmen zwangsläufig ein Problem bekommt. Man kann auch schlicht sagen, Innendämmung gehört zwingend in die Hände von Profis!

Insbesondere die Grenzschicht zwischen alter Innenoberfläche und Innendämmung bedarf der gründlichen Expertise, weil hier der Feuchtetransport der Außenwand (Diffusion), vor allem in den Wintermonaten, aufgrund der niedrigen Temperaturen Feuchteschäden quasi provoziert. Die Beschaffenheit des Putzes spielt dabei eine entscheidende Rolle, die genauestens untersucht werden muss. Kalk- und Gipsputze, die sehr empfindlich auf Feuchte reagieren, müssen mit Vorsicht betrachtet werden. Weitere wichtige Aspekte rund um die Innendämmung, die in Kapitel 1 behandelt werden, sind Antworten zum geschuldeten Erfolg, Mangel und Schaden sowie Gewährleistung und Haftung. Alles Begriffe, die das Bauen natürlich immer latent verfolgen. Auch wenn es hart klingt: Wer Kapitel 1 nicht verinnerlicht, sollte die Finger von der Innendämmung lassen!

Die Anamnese, auch Untersuchung des Ist-Zustandes, erfährt bei einer geplanten Innendämm-Maßnahme eine besondere Bedeutung. Klimaeinflüsse und Lage des Objektes (Schlagregenschutz) sind beispielsweise nur einige wichtige Parameter, die in die Betrachtung mit einfließen müssen. In Kapitel 2 beschreibt der Autor, wie der Ist-Zustand erfasst wird, um für den Soll-Zustand detaillierte Rückschlüsse zu erhalten. Dieser Abschnitt behandelt Grundwissen, das durch diverse Praxistipps und Praxischecks den erforderlichen Praxisbezug erfährt.

Der technische Fortschritt macht es möglich, dass mit Hilfe der hygrothermischen Simulationsberechnung, vor allem bei Fachwerkbauten, so der Autor, die Baumaßnahme vorher simuliert werden kann, so dass die Risiken beherrschbar bleiben. Der Weg zum Soll-Zustand erfordert in der Regel eine individuelle Lösung, die die Vertragspartner konkret vereinbaren müssen, um Schadensersatzansprüche erfolgreich abwehren  zu können.

Sind alle Vorbereitungsmaßnahmen auf den Weg zur Innendämmung erfüllt, geht es an die Auswahl der geeigneten Materialien. Kapitel 3 widmet sich ausgiebig der Wasserdampfdiffusion. Arbeiter spricht in diesem Zusammenhang von der Kunst, den richten sd-Wert zu erreichen. Die Palette reicht von diffusionsoffen über diffusionshemmend bis hin zu diffusionsdicht. Diese Fach-Termini unterstreichen abermals, wie kompliziert eine fachgerechte Innendämmung umzusetzen ist. Obwohl es eine Unmenge an Dämmsystemen am Markt gibt, wie die Marktübersicht in Kapitel 3 belegt, kommt es einer Sisyphusarbeit gleich, die individuell zugeschnittene Lösung herauszufinden.

Wärmebrücken, bauphysikalisch gesehene Schwachstellen, sind grundsätzlich zu minimieren. In Kapitel 4 widmet sich der Autor diesen Unzulänglichkeiten, die es zu vermeiden oder aufzuspüren gilt. Bevor die Ausführung tatsächlich beginnen kann, hat der Planer das Sagen. Begriffe wie Planungs- und Ausführungssicherheit für das Fachunternehmen sollen dabei keine leeren Worthülsen sein. Weiter geht es: Von der Planung zur Ausführung. Je detaillierter die Planung ist, desto reibungsloser erfolgt die Ausführung. Wer diesen Leitsatz nicht verinnerlicht, bekommt spätestens bei der Abnahme Probleme.

Die Planung und Ausführung mit all seinen Aspekten wird anschließend umfassend beschrieben und Schritt für Schritt geschildert, so dass nahezu keine Fragen offen bleiben. Visuell reichhaltig garniert, bekommt der potentielle Interessent die Umsetzung einer Innendämmung fachlich korrekt erklärt. Bevor diverse „Checklisten zur Bestandsaufnahme“ das Werk sinnvoll abrunden, gilt es noch einen Blick auf das Kapitel 8: Nach der Ausführung - zu werfen.

Die Abnahme einer Baumaßnahme gehört mit zu den wichtigsten Arbeitsschritten überhaupt. Wer das nicht so sieht, hat bereits den ersten Fehler begangen. Das trifft besonders für eine so komplexe Maßnahme wie die Ausführung einer Innendämmung zu. Die Abnahme sollte deshalb ebenso gut vorbereitet werden wie die Baumaßnahme selbst. Denn mit der Abnahme beginnt die Gewährleistungsfrist, endet das Risiko einer nachträglichen Beschädigung der ausgeführten Leistung des Fachunternehmens, findet eine Beweislastumkehr statt, kommt eine eventuell vereinbarte Vertragsstrafe, die vom Auftraggeber vorbehalten werden muss, in Betrachtung und es tritt die Fälligkeitsvoraussetzung für die Schlussrechnung in Kraft. Ein Abnahmeprotokoll mit Mängelliste sollte ebenso selbstverständlich sein wie die korrekte Überwachung und Ausführung der Bauarbeiten.

Fazit: Innendämm-Maßnahmen sind mit Sorgfalt und Besonnenheit anzugehen. Die Gebäude, die auf diese Weise nachträglich energetisch saniert werden sollen, sind nun einmal so errichtet worden, wie wir sie vorfinden, so dass jeder Eingriff in die Gebäudesubstanz wohl überlegt sein will. Jeder bauliche Fehler erhöht das Schadensrisiko durch Feuchte. Vergleicht man objektiv die Vor- und Nachteile einer Innendämmung, überwiegen eigentlich die Nachteile. Schon deshalb kommt nur eine exakte Planung und Ausführung in Betracht, um die Fehler zu minimieren.

Der Autor, der selbst Innendämmungen ausführt, hat mit seinem beeindruckenden Fachbuch ein wichtiges, praxisnahes Werk verfasst, so dass eine Innendämmung durchaus in Betracht gezogen werden kann, wenn man sich auf das Wesentlichste konzentriert und die Risiken von Anfang an richtig einschätzt. Das beginnt bereits mit der Auswahl des zertifizierten Fachunternehmens, das nachweislich Erfahrung mit der Erstellung von Innendämmungen hat. Dämm-Materialien gibt es indes wie Sand am Meer, so dass sie in der Regel austauschbar sind.

Jeder Hauseigentümer, der ein erhaltenswertes Gebäude besitzt, das nicht von außen gedämmt werden kann, sollte sich im Vorfeld dieser Maßnahme mit dem Inhalt dieses Buches beschäftigen, so dass die Enttäuschung hinterher nicht zu groß ist. Ein unverzichtbares Fachwerk für Planer, Ausführende und Bauherren zugleich, die sich mit der komplexen Materie der Innendämmung zu befassen haben.  Dipl.-Ing. (FH) Uwe Morchutt

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- WTA-Merkblatt 6-4-09/D-Planungsleitfaden
- WTA Merkblatt 6-1-01/D: Leitfaden für hygrothermische Simulationsberechnungen. 2002

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- sd-Wert – wasserdampfdiffusionsäquivalente Luftschichtdicke (m)

Bibliografische Daten
Innendämmung
Auswahl, Konstruktion, Ausführung
Von Dipl.-Ing. (FH) Klaus Arbeiter.
2014. 17 x 24 cm. Gebunden. 200 Seiten mit 83 Abbildungen.
49 Euro (Buch)
39,20 Euro (E-Book)
ISBN Buch : 978-3-481-03231-9
ISBN E-Book: 978-3-481-03233-3
Verlagsgesellschaft Rudolf Müller GmbH & Co. KG
URL: www.baufachmedien.de