Buchtipp (10. Dezember 2013)

Barrierefrei bauen kompakt

Eine vorhersehbare gesellschaftliche Alterung stellt die Immobilien- und Bauwirtschaft vor große Herausforderungen. Sie offenbart sich nicht nur in spezifischen Immobilienangeboten wie Seniorenimmobilien, sondern betrifft einen Großteil des Wohnungsbestandes und des öffentlichen Raumes, die in vielfältiger Weise eine konsequente barrierefreie bauliche Umsetzung erfordern. Wird in absehbarer Zeit dieselbe Lethargie diesbezüglich an den Tag gelegt, wie wir sie gegenwärtig beobachten, wird uns das „Barrierefreie Bauen“ schon in wenigen Jahren vor immense Probleme stellen.

Die Musterbauordnung – MBO, die Basis aller Landesbauordnungen, fordert in ihrer modifizierten Fassung vom September 2012 in § 50 Barrierefreies Bauen beispielsweise:
„(1) In Gebäuden mit mehr als zwei Wohnungen müssen die Wohnungen eines Geschosses barrierefrei erreichbar sein; diese Verpflichtung kann auch durch barrierefrei erreichbare Wohnungen in mehreren Geschossen erfüllt werden. In diesen Wohnungen müssen die Wohn- und Schlafräume, eine Toilette, ein Bad sowie die Küche oder die Kochnische barrierefrei mit dem Rollstuhl zugänglich sein. “

   

Lange, vielleicht viel zu lange, hat es gedauert, bis überhaupt bauliche Mindeststandards in die einschlägigen Regelwerke Einzug gehalten haben. Der Rudolf Müller Verlag, Köln, hat sich jetzt im Rahmen seiner Kompaktreihe „Barrierefrei bauen kompakt“ diesem bisweilen noch stiefmütterlich behandelten Thema angenommen, so dass der Interessent alles Wissenswerte über das Thema gebündelt in der Hand halten kann. Ein gewohnt fachmännischer Blick in das Werk soll zeigen, wie Planer und Architekten mit Hilfe dieses Werkes die bauliche Barrierefreiheit im Sinne der Bewohner verwirklichen können.

Architektin Vera Schmitz, die Autorin, spricht im Vorwort nicht zufällig von der Verwirklichung barrierefreier Lebensräume, die nur kollektiv zu lösen sind. Soll heißen, alle am Bau Beteiligten müssen von Beginn an Hand in Hand arbeiten, da sonst das Bauergebnis der anspruchvollen Nutzung nicht gerecht wird. Als Sachverständige für barrierefreies Planen und Bauen kennt die Autorin natürlich auch die Knackpunkte bei der Umsetzung der technischen Regeln, die zuverlässig Tag für Tag von neuem erkämpft werden müssen.

Mit den Grundlagen wird der Leser begrüßt, ohne die natürlich nichts läuft. Die DIN 18040 mit ihren Teilen 1 + 2 (2010/2011) wurde grundlegend überarbeitet und ersetzt die alte DIN 18025 aus den 1990er Jahren. Barrierefreie Wohnungen und öffentliche Bauten sind aber nur die eine Seite, öffentliche Verkehrswege und Freiräume müssen ebenso für eine wachsende Zielgruppe baulich angepasst werden. E DIN 18040 Teil 3, dessen Entwurf seit Mai 2013 vorliegt, widmet sich diesen spezifischen Planungsgrundlagen.

Um überhaupt in die Wohnung zu gelangen, benötigt die Nutzergruppe mit den unterschiedlichsten Handicaps natürlich eine geeignete Erschließung und die dazu passenden Verkehrswege. Kapitel 2 widmet sich diesem wichtigen Thema. Alles, was außerhalb der Wohnung beachtet werden muss, wird hier umfassend erörtert. In Erschließung und Infrastruktur werden die Belange, die beispielsweise ein Rollstuhlfahrer erfährt, behandelt  Bereits zu geringe Breiten, Stolperkanten und ungeeignete Beläge, an die sich ein junger bzw. gesunder Mensch in keiner Weise anstößt, können hier zur Verzweiflung und Hilfebedürftigkeit eines Rollstuhlfahrers führen. Hinzu kommen geeignete Türbreiten, Alarm- und Fluchtwege, die Höhe und Erreichbarkeit von Bedienelementen, beispielsweise in Fahrstühlen, sowie vieles andere mehr.

Kapitel 3 befasst sich mit einem ebenso wichtigen wie umfassenden Bereich: öffentliche Räume. Will die Gesellschaft, dass die Zielgruppe mit Handicap oder einfach nur Gehschwäche am öffentlichen Leben teilhaben soll, muss hier viel passieren. Außer Arbeitsstätten, die in der Arbeitsstättenverordnung behandelt werden, werden hier alle öffentlichen Räume dahin gehend beleuchtet, inwieweit sie barrierefrei tauglich sind. Man denke nur an Sportanlagen und Bildungseinrichtungen, die niemanden verwert werden dürfen, nur weil eine physische Einschränkung vorhanden ist.

Last but not least werden die Wohnungen abgehandelt. In Kapitel 4 erfährt der Interessent alle Aspekte, die eine barrierefreie Wohnung wirklich ausmachen. Von den Türbreiten, Fluren und Fenstern, über die Räumlichkeiten bis hin zu den diffizilen Sanitäreinrichten sowie Terrassen und Balkonen. Eine Normensammlung und ein Literaturverzeichnis schließen das Taschenbuch wie gewohnt ab.

Fazit: Die zögerliche Umsetzung von Mindeststandards (DIN, MBO, Richtlinien, usw.) zeigt, dass die Zielgruppe, um die es hier geht, über keine ausgeprägte Lobby verfügt. Da sich darüber hinaus DIN-Normen und ihre Gremien nur für den Neubau verantwortlich fühlen, ist der gesamte Bereich des Baubestandes außen vor. Selbst bei Neubauten gibt es viele bauliche Unzulänglichkeiten, wenn es um die Barrierefreiheit geht. Man denke nur an Bahnhöfe und öffentliche Verkehrsräume. Natürlich kostet barrierefreies Bauen immer etwas mehr. Es zeigt aber den wahren Charakter einer Gesellschaft, ob man eine wachsende Zielgruppe, hier geht es nicht nur um boomende Seniorenresidenzen, am öffentlichen Leben tatsächlich teilhaben lässt.

Mit „Barrierefrei bauen kompakt“ hat Schmitz ein hilfreiches und userfreundliches Handbuch geschaffen, das die wichtigsten Antworten auf die dazu gehörigen Fragen erörtert. Ganz im Sinne der intelligenten Kompaktreihe! Text und erklärende Grafiken (technische Zeichnungen) bis ins Detail verleihen dem Werk die fachspezifische Wissensvermittlung. Darüber hinaus gibt es für Planer, Architekten und Bauausführende eine Unmenge an Planungstipps, die das Buch unverwechselbar machen. Nur wer sich mit dieser Materie intensiv auseinandersetzt, wie es die Autorin in ihrer täglichen Arbeit erlebt, kann die Barrierefreiheit im Bauen richtig verstehen und baulich korrekt umsetzen. Jeder Rollstuhlfahrer, der das nächste Mal an einem nicht abgesenkten Bordstein verzweifelt, wird die Fortschritte in der öffentlichen Barrierefreiheit anerkennend begrüßen. Dipl.-Ing. (FH) Uwe Morchutt

Bibliografische Daten
Barrierefrei bauen kompakt
Die wichtigsten Anforderungen nach DIN 18040 und weiteren Regelwerken
Von Vera Schmitz.
2014. DIN A 6. Kartoniert. 186 Seiten mit 115 Zeichnungen und 13 Tabellen.
39 Euro
ISBN 978-3-481-02966-1
Rudolf Müller Verlag, Köln
URL: www.baufachmedien.de