Buchtipp (9. August 2013)

Abnahme von Bauleistungen - Hochbau
Erkennen und Beurteilen von Planungs- und Ausführungsmängeln

Auftraggeber von Bauleistungen erwarten heutzutage, dass ihre Bauwerke lange halten und ihren angedachten Zweck über einen großen Zeitraum erfüllen. Aktuelle Bauwerke sind dabei aber immer nur so gut, wie der Mensch sie plant und errichtet, und zwar in einer kalkulierbaren Bauzeit und im eng abgesteckten Kostenrahmen. Bauen unter Kosten- und Zeitdruck heißt somit das dominierende Dilemma. Dass dieses Vorgehen unablässig zu Konflikten zwischen den Vertragsparteien führt, zeigt die tägliche Baupraxis. Leider ist diese selbst auferlegte Bauweise allzu oft ein idealer Nährboden für Planungs- und Ausführungsmängel, weil die Beteiligten schlicht überfordert sind.

Der einzig denkbare Weg muss daher lauten, Planungs- und Ausführungsmängel schon in einer frühen Bauphase zu erkennen, damit die Abnahme der Bauleistung nicht zum Fiasko wird oder gar nicht erst stattfindet. Die Abnahme von Bauleistungen erfordert deshalb hohen praxisbezogenen Sachverstand und eine gehörige Portion an Bauerfahrung! Gunter Hankammer bringt beide Voraussetzungen mit, so dass er prädestiniert ist, das vorliegende Fachbuch einer breiten Baugemeinschaft an die Hand zu geben.

   

Bereits im Vorwort betont der Autor, dass zum Zeitpunkt der Abnahme die gültigen anerkannten Regeln der Technik umgesetzt sein müssen, ansonsten haben die Bauleute ein ernstes Problem! Ein weiterer wichtiger Aspekt, der uns in der Einleitung (Kapitel 1) begegnet, ist das latente Haftungspotenzial. Jede Abnahme, egal wer sie anzeigt, kann zu Haftungsansprüchen führen, die es erfolgreich abzuwenden gilt.

Die Abnahme von Bauleistungen gehört darum mit zu den wichtigsten Handlungen, die eine Baumaßnahme ausmachen kann. Bereits die Dicke des Fachwerkes verdeutlicht augenscheinlich, mit welcher signifikanten Materie wir es hier zu tun haben. Ein Blick in das Werk soll die Wertschätzung vor der aufwendigen Arbeit, die am besten ein Buchautor nachfühlen kann, im fachlichen Kontext einordnen.

Kapitel 2 kommt ganz schlicht daher: Abnahme. Wer bisher glaubte, er würde schon alles über den Begriff und die Spezifik der Abnahme wissen, wird jetzt eines besseren belehrt. Von der Definition bis hin zu den Folgen der Abnahme behandelt der Autor die Abnahme in aller Ausführlichkeit (56 Druckseiten) und Bedeutung, die keine Wünsche offen lässt. Die förmliche Abnahme und Vorbehalte bei Mängeln, die insbesondere für den Besteller von hohem Gewicht sind, sollen nur stellvertretend genannt werden. Alle Fragen, die im Zusammenhang mit der Abnahme auftreten können, werden von Hankammer beispiellos beantwortet.

Ein Phänomen der modernen Baukunst ist der latent vorherrschende Baumangel. Leider gibt es heutzutage kein Bauwerk mehr ohne Mängel. Die Folge, Experten und Gerichte streiten unablässig, ob der Mangel nun hinnehmbar ist oder nicht. Der Mangel von der Definition bis hin zur Bewertung und seine bisweilen gravierenden Auswirkungen begleitet uns ausführlich in Kapitel 3. Aktuelle höchstrichterliche Rechtsprechungen, die der Autor gehaltvoll einstreut, begleiten die komplizierte Begriffsdeutung, so dass die allgemeine Verunsicherung nicht automatisch kleiner wird.

Bevor der Autor sich den praktischen Hinweisen für die Abnahme der Gewerke zuwendet, geht er auf die allgemeinen Grundlagen (Kapitel 5) ein. Der Begriff „anerkannte Regeln der Technik“ kann bekanntermaßen differenziert ausgelegt werden. Die Wahrheit steckt wie so oft im Detail. Zitat Hankammer, Seite 133: „Eine Leistung, die zwar nicht gegen Regelwerke verstößt, aber trotzdem Mängel aufweist, kann daher nicht als fachgerecht gelten.“ Diese Aussage macht die Sache so kompliziert. Soll heißen, es gibt mehrere Komponenten, die im Ergebnis zum Ziel, ein mangelfreies Werk als Erfolg, führen. Die aufgeführten Gerichtsurteile sind oftmals so vielfältig auszulegen wie die Mängel selbst! Um die Verwirrung gänzlich auf die Spitze zu treiben, betont doch der BGH in einem Leitsatz, „dass  die DIN-Normen nicht grundsätzlich die anerkannten Regeln der Technik widerspiegeln.“ Jedes Bauwerk ist ein Unikat, so dass auch die Mängel im Einzelfall zu untersuchen sind!

Um die Mängel überhaupt qualifiziert ans Tageslicht zu befördern, bedarf es einer Vielzahl von Messinstrumenten oder Hilfslehren. Je nach Art der Abnahme sollte eine gewisse Grundausstattung (Wasserwaage, Zollstock, Richtscheit, Messkeil, Spiegel usw.) griffbereit sein. Hankammer, der Abnahmefuchs, hat eine reichhaltige Palette in seiner Aufzählung, die nahezu jeden Mangel sichtbar werden lässt. Die moderne Messgeräte-Industrie unterstützt dieses Bestreben dahingehend, indem sie für nahezu jeden Zweck das passende Instrument entwickelt hat.

Die Grundlagen sind gelegt und alle Abnahmevorbereitungen sind getroffen. Jetzt beginnt die eigentliche Arbeit: die Abnahme. In Kapitel 6 gibt der Autor praktische Hinweise für die Abnahme der Gewerke. Auf 468 Druckseiten werden die wichtigsten Gewerke, über 20 an der Zahl, sprichwörtlich abgenommen, damit daraus ein funktionierendes Ganzes entsteht: das Bauwerk. Vom Keller bis zum Dach, dem Rohbau, über den Ausbau bis hin zur farblichen Gestaltung. Akribisch bis ins Detail beschrieben und durch farbige Illustrationen reichhaltig garniert wird jede Arbeit quasi unter Lupe genommen, ob alle Arbeiten frei von Mängeln erstellt worden sind. Eine beispiellose Aneinanderreihung von Abnahmehandlungen, die ihres gleichen sucht. Ein Abnahmeprofi, wie Hankammer, kennt natürlich die immer wiederkehrenden Schwachpunkte, die er gern mit seiner Leserschaft teilt. Wichtige Aspekte wie Brandschutz, Baufeuchte bei der Abnahme und Luftdichtheit der Gebäudehülle schließen das erstklassige Kapitel ab.

Im Anhang findet der potentielle Abnahmeteilnehmer diverse Checklisten, die auch online abrufbar sind, um alle Beanstandungen komprimiert zu erfassen.

Fazit: Der Buchdruckkunst von Johannes Gutenberg sei Dank, dass dieses Werk heute so ästhetisch in den Händen liegt. Bedeutungsvoller ist aber, der Inhalt braucht sich nicht dahinter zu verstecken. Wie bereits erwähnt führt die Abnahme von Bauleistungen immer wieder zu Meinungsverschiedenheiten zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer. In der Praxis stellt sich dann oftmals die Frage: Liegt ein Mangel oder eine noch hinnehmbare Unregelmäßigkeit (Kapitel 4) vor? Die Grenzen sind allerdings fließend, so dass es die Aufgabe nicht leichter macht. Gewisse Toleranzen (DIN 18 202) sind sogar erlaubt, sie müssen nur im tolerierten Bereich liegen!

Die 4. Auflage beinhaltet neben der VOB 2012 diverse überarbeitete Standards und Regelwerke, die dem Werk eine hohe Aktualität verleihen. Zahlreiche neue Beispiele im Abnahmeprozess bieten die Möglichkeit, Vergleiche anzustellen und auf sich wiederholende Fehlerquellen zurückzugreifen.

Ein wertvolles Buch, das jeder sein eigen nennen sollte, wenn er mit dem Gedanken spielt, jemals zu bauen. Von den Grundlagen bis zur praxisnahen Deutung wird die Abnahme allumfassend behandelt. Für erschwingliche 69 Euro bekommt der Interessent fundiertes Fachwissen zur bisweilen diffizilen Abnahme von Bauleistungen an die Hand, das für jede Abnahmehandlung eine gewissenhafte Vorbereitung garantiert, so dass sich die Investition rasch amortisiert. Dipl.-Ing. (FH) Uwe Morchutt

Bibliografische Daten
Abnahme von Bauleistungen - Hochbau
Erkennen und Beurteilen von Planungs- und Ausführungsmängeln
Von Gunter Hankammer.
4. aktualisierte und erweiterte Auflage 2013. 17 x 24 cm. Gebunden. 683 Seiten mit 650
Abbildungen und 104 Tabellen.
69 Euro
ISBN 978-3-481-03090-2
Verlagsgesellschaft Rudolf Müller GmbH & Co. KG
URL: www.baufachmedien.de