Buchtipp (18. März 2012)

Der Sachverständige
Gutachten über Schäden an Gebäuden

Spezieller Sachverstand ist immer dann gefragt, wenn etwas kaputt geht oder nicht mehr funktioniert bzw. Schäden auftreten, weil es von Anfang an mangelhaft war. Im Baubereich führen Baumängel im unerfreulichsten Fall zu Bauschäden, die ein Gebäude in seiner Substanz beeinträchtigen können. Die Folgen: sinkender Verkehrswert, Einbußen in der Nutzung oder sogar Totalschaden bei Einsturz. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird spätestens jetzt jemand gesucht, der sich damit auskennt. Hier tritt der Sachverständige in den Fokus der Betrachtung. Trotz Wust an Vorschriften, Richtlinien und technischen Regeln ist das Bauen nach wie vor geregelt, die Tätigkeit eines Sachverständigen ist es hingegen nicht. Nichtsdestotrotz  muss er sich ständig weiterbilden, um stets auf dem aktuellen technischen Wissenstand zu sein, um seinem Auftraggeber einwandfreie Arbeit an die Hand zu geben.

   

Einer dieser Sachverständigen, der in unzähligen Gutachten sein Wissen unter Beweis gestellt hat, ist Gunter Hankammer. Sein Buch: Der Sachverständige - gewährt aufschlussreiche Einblicke in die Welt der Sachverständigen. Dem Sachverständigen geht es übrigens nicht anders wie jedem Handwerker auch, der ein mangelfreies Werk schuldet: das Gutachten. Fehler kann er sich genauso wenig leisten, da er sich sonst ganz schnell mit Regressforderungen konfrontiert sieht. Ein vom Gericht bestellter Sachverständiger sitzt obendrein noch zwischen den Parteien, so dass die Erfolgsaussichten immer nur bei 50 Prozent liegen.

Die kurze Einführung verdeutlicht nur zu gut, wie komplex und verantwortungsvoll die Gutachtertätigkeit ist. Das Nützliche an dem Buch ist, dass der Autor aus seinem reichen Erfahrungsschatz referiert, so dass der direkte Weg der Praxis nie verlassen wird. Unzählige Verweise auf Gerichtsurteile zeigen darüber hinaus, wie eng die Arbeit des Sachverständigen mit der Rechtsprechung einhergeht. In Deutschland kann sich übrigens jeder Sachverständiger nennen, da die Bezeichnung rechtlich nicht geschützt ist. Fehlt allerdings der nachweisliche Sachverstand, wird es schwer sein, das Unwissen auf Dauer am Markt zu kaschieren.

Hankammer beginnt sein Werk mit allgemeinen Aussagen zu Gerichtsverfahren und der Typologie von Sachverständigen, die bekanntlich breit gefächert ist. Egal, ob frei oder öffentlich bestellt und vereidigt, der Sachverständige kommt differenziert daher. Diffizil wird es im konkreten Fall immer dann, wenn Haftungsansprüche gegen den Sachverständigen erhoben werden. Im Mittelpunkt der gutachterlichen Tätigkeit steht natürlich das schriftliche Gutachten – Kapitel 4. Hierzu macht Hankammer detaillierte Aussagen, die keine Wünsche offen lassen.

Kapitel 5 befasst sich mit den Schäden an Gebäuden. Seit es Gebäude gibt, haben wir es auch mit Schäden zu tun. Wie werden Schäden richtig bewertet und wer ist schuld daran? Was ist überhaupt ein Mangel? Wie verhält es sich mit den anerkannten Regeln der Technik? Fragen über Fragen im  Blickwinkel zu bewertender Gebäudedefizite. Hankammer gibt  hierzu genau die Antworten, die zur Erklärung erforderlich sind. DIN-Normen erheben zwar den Anspruch, die anerkannten Regeln der Technik wiederzugeben, in Wahrheit trifft dieser Anspruch aber beileibe nicht immer zu. Ein weiterer wichtiger Bereich sind die Kosten, die im Zusammenhang mit Schäden entstehen können. Wie immer treffen wir auch hier auf die alles entscheidende Frage: Wer bezahlt den Schaden eigentlich?

Die nächsten Kapitel (6 bis 10) befassen sich mit den unterschiedlichsten Aufgabenbereichen von Gutachtern und deren Tätigkeiten. Interessante und ausführliche Einblicke in den Wirkungsbereich der Sachverständigentätigkeit, der sich mit vielen Aspekten auseinander zu setzen hat. Beispielhaft soll hier nur eine wichtige Aktivität hervorgehoben werden, die Abnahme von Bauleistungen durch Sachverständige im Umfeld von Privatgutachten.

Kapitel 11 widmet sich erschöpfend der Ausrüstung von Sachverständigen. Der Überfluss in unseren Breitengraden zeigt sich auch hier. Es gibt kein Mangel an Mess- und Prüfgeräten. Für alles, was man messen kann, gibt es die entsprechenden Produkte. Aber auch hier gilt, das Messen ist die eine Seite, die fachlich korrekte Interpretation der Messergebnisse die andere. Je nach Spezialisierung des Sachverständigen sollte die Ausrüstung der Disziplin angemessen sein. Das Kapitel endet mit der bisweilen überlebenswichtigen Beantwortung der Frage: Welche Versicherung benötigt ein Sachverständiger? Betriebswirtschaftliche Aspekte, wie z.B. Einnahmen und Ausgaben, folgen im anschließenden Kapitel. Das hoch informative Buch endet letztlich mit diversen Übersichten zu Organisationen, Gesetzen und der Mustersachverständigenordnung sowie einigen Musterschreiben, wie z.B.: Wie lade ich richtig zum Ortstermin ein?

Fazit: Wer mit dem Gedanken spielt, Sachverständiger zu werden, sollte an dieser Publikation nicht arglos vorbeigehen. Hier erhält der interessierte Benutzer einen bemerkenswerten Einblick in die komplexe Welt der Sachverständigentätigkeit. Die Arbeit eines Sachverständigen besteht nicht nur aus seinem Sachverstand, sondern aus einer Fülle von Aufgaben, sei es nur aus rechtlicher Sicht. So vielfältig uns die Schäden an Gebäuden begegnen, so viele Fallstricke gibt es aber auch für Sachverständige. Wer glaubt, ein paar Messungen zu machen, und diese nur auf das Papier zu übertragen, wird schnell eines Besseren belehrt. Hankammer gewährt mit diesem erschöpfenden Grundlagenwerk fundierte Einblicke in die anspruchsvolle, aber auch höchst interessante Tätigkeit eines Sachverständigen, und zwar fachlich korrekt, juristisch unantastbar sowie wirtschaftlich erfolgreich. Dipl.-Ing. (FH) Uwe Morchutt

Bibliografische Daten
Der Sachverständige
Gutachten über Schäden an Gebäuden. akquirieren - erstatten - abrechnen
Von Gunter Hankammer
2. aktualisierte und erweiterte Auflage.
2012. Gebunden. Seiten 446, 224 Abbildungen und 46 Tabellen
59 Euro
ISBN 978-3-481-02896-1
Verlagsgesellschaft Rudolf Müller GmbH & Co. KG
URL: www.baufachmedien.de

Apropos
Ein aktuelles Urteil des Bundesverwaltungsgerichtes besagt, dass Sachverstand nicht vom Alter abhängig sein darf: Eine generelle Altersgrenze bei der Bestellung zum öffentlich bestellten und vereidigten Sachverständigen stellt eine nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz unzulässige Benachteiligung wegen des Alters dar und ist deshalb unwirksam.

BVerwG - AZ: 8 C 24.11 vom 1. Februar 2012