Buchtipp (6. September 2011)

Ausschreibung nach VOB und BGB
Leitfaden zur sicheren Leistungsbeschreibung und Vergabe

Ausschreibungsunterlagen, die für die Vergabe von Bauleistungen in Ansatz gebracht werden, müssen bestimmte Mindestanforderungen erfüllen. Schließlich hängt von deren Inhalt nicht selten die Durchsetzbarkeit von Mängelansprüchen und Werklohnnachforderungen ab. § 9 Nr. 1 VOB/A postuliert deshalb ausdrücklich, dass die Leistung eindeutig und so erschöpfend zu beschreiben ist, dass alle Bewerber die Beschreibung im gleichen Sinne verstehen müssen und ihre Preise sicher und ohne umfangreiche Vorarbeiten berechnen können. Soweit die Theorie.

In der Praxis gibt es leider kaum ein größeres öffentliches Projekt, bei dem die Kosten nicht aus dem Ruder laufen. Die Gründe hierfür sind unvollständige und ungenaue Ausschreibungen, woraus sich zwangsläufig Fehler bei der Bauvorbereitung ergeben, die schließlich zu Mängeln an den Bauwerken führen. Um Baudefizite abzuwenden, müssen oftmals teure Nachtragsvereinbarungen ins Spiel gebracht werden, die die Kosten bisweilen explodieren lassen.

Aktuelles Negativbeispiel: Der Bau der Elbphilharmonie in Hamburg: Wo die Kosten der ersten Planungen im Jahr 2005 einmal von 77 Mio. Euro ausgingen. Bei Baubeginn aber schon bei 114 Mio. Euro lagen und im Jahr 2008 323 Mio. Euro betrugen. Im Jahr 2011, dem Jahr des einst formal verbindlichen Fertigstellungstermins zum 30. November 2011, werden die Gesamtkosten nun bereits auf 476 Mio. Euro beziffert. Die Auguren munkeln bereits, dass die Elbphilharmonie wohl erst 2014/2015 eröffnet werden könnte. Über die Entwicklung der Gesamtkosten sollte man wohl lieber den Mantel des Schweigens ausbreiten, denn genaueres weiß man nicht.

Achim Henning, ein Ausschreibungs- und Vergabeprofi, hat nicht zu Letzt diese ausschweifenden Unzulänglichkeiten jetzt zum Anlass genommen, um einen Leitfaden: Ausschreibung nach VOB und BGB - einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen. Bereits im Vorwort bemängelt der Autor den laxen Umgang mit den Kosten von Auftraggebern, Planern und Projektbeteiligten. Warum werden bei Leistungsbeschreibungen immer wieder dieselben Fehler begangen und wo liegen deren Ursachen? Auf diese zwei Fragen versucht Henning in seinem Werk eine glaubhafte Antwort zu geben.

   

Kapitel 1 befasst sich ausführlich mit den Grundlagen der Leistungsbeschreibung. Bauleistungen sollen bekanntlich dem Wettbewerb unterliegen, so dass eine öffentliche „Absteigerung“ von Bauleistungen aus dem Jahre 1686 erstmals ein Vergabeverfahren in Deutschland ins Leben rief. Über die Verdingungsordnung für Bauleistungen (VOB) aus dem Jahre 1926 entstand 2009 die aktuelle Vergabe- und Vertragsordnung für Bauleistungen, die neben der europäischen Harmonisierung auch eine Regelung zum BGB zum Ausdruck bringt.

Erfahrungsgemäß ist die VOB nur zwingend für öffentliche Aufträge vorgeschrieben. Den Begriff der „Ausschreibung“ definiert aber weder das BGB noch die VOB, so der Autor. Die Teile B und C der VOB ähneln laut Henning eher Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB), so dass sie auch von privaten Auftraggebern genutzt werden, da das Werkvertragsrecht nach BGB (§ 631) diesbezüglich keine Angebote parat hat. Soll die VOB zwischen privaten Vertragsparteien zur Anwendung gelangen, muss sie aber explizit vereinbart werden! Alle wichtigen Facetten, die es bei einer Leistungsbeschreibung zu beachten gilt, insbesondere die Vor- und Nachteile zwischen VOB und BGB, findet der interessierte Beobachter gebündelt in Kapitel 1.

Der Wust an technischen Vorschriften, Regeln und Vorgaben lässt viele am Bau Beteiligte bisweilen verzweifeln. Und fast täglich kommen neue hinzu. Kapitel 2 ist diesen technischen Grundlagen gewidmet. Die Betonung des Autors im Umgang mit DIN-Normen, die nur einen Empfehlungscharakter haben, da sie nicht immer die anerkannten Regeln der Technik wiedergeben, soll an dieser Stelle nur stellvertretend erwähnt werden.

Bekanntlich werden Bauwerke von vielen Mitstreitern vorbereitet und errichtet. Der Erfolg und die Funktionalität des fertigen Bauprojektes hängen nicht selten von der guten Zusammenarbeit vieler Spezialisten ab. Das bekannte Sprichwort: Viele Köche verderben den Brei - kann somit auch auf die Projektbeteiligten eines Bauvorhabens abstrahiert werden. Abschnitt 3 beschäftigt sich mit den Aufgaben der Projektbeteiligten bei der Erstellung der Vergabeunterlagen.

Kapitel 4 widmet sich der umfangreichen Fehleranalyse. In „Typische Fehler in Ausschreibungen – praxisorientierte Lösungen“ beschäftigt sich der Autor mit den Unzulänglichkeiten bei der Bauvorbereitung. Eine genial einfache Erklärung hat Henning hier parat: Fehler entstehen, weil etwas fehlt, und zwar in den Vergabeunterlagen. Auf über 100 Druckseiten werden die alltäglichen Sünden und Vergehen bei der Vorbereitung von Bauprojekten in Deutschland aufgedeckt und mit praxisnahen Lösungen, wie es richtig sein sollte, ausgefüllt. Unglaublich nützliche Seiten für jeden Bauvorbereiter und vor allem für die, die sich dafür halten. Allein die unzähligen Praxistipps erhöhen den Wert des Buches ungemein.

Bauwerke sind in der Regel Unikate, die unter freiem Himmel errichtet werden. Jedes Bauprojekt muss deshalb separat kalkuliert werden. Jeder Fehler, der hier begangen wird, kommt quasi teuer zu stehen. Die Kalkulation im Bauunternehmen findet der interessierte Beobachter in Kapitel 5.

Endgültig vorbei sind die Zeiten, wo noch mit Abakus und Rechenschieber gearbeitet wurde. Die moderne EDV hält heute viele Hilfsmittel und Werkzeuge parat, die frühere Baumeister gern besessen hätten. Trotzdem gilt gerade hier, dass auch mit modernster Software der Anwender für die Inhalte seiner Arbeit verantwortlich ist. Bisweilen gedankenloses Reproduzieren in vorgegebene Textmasken sollte jeder fachlichen Überprüfung standhalten!

Nützliche Checklisten zu Leistungsbeschreibung und Nachtragsprüfung im Anhang des Buches runden den Leitfaden nutzbringend ab. Musterformulare und Formblätter stehen obendrein exklusiv für Buchkäufer zum kostenlosen Download bereit.

Fazit: Die druckfrische Publikation hilft Leistungsbeschreibungen und Vergabeunterlagen termingerecht und fehlerfrei zu erstellen. Im Fokus der Betrachtung stehen die häufigsten Fehler, die bei der Erstellung von Ausschreibungsunterlagen gemacht werden. Unzählige Fallbeispiele aus der Praxis und wertvolle Praxistipps zeigen Lösungswege auf, wie zukünftig derartige Fehler vermieden werden können. Das Werk richtet sich in erster Linie an Architekten, Ingenieure, Projektsteuerer und Bauleiter in Planungsbüros, Bauunternehmen sowie öffentlichen Bauverwaltungen. Ein willkommener Leitfaden, der auf jeden dieser Tische gehört! Denn in einer Zeit, wo Länder, Kommunen und Gemeinden nahezu täglich über zu wenig Geld in den Budgets klagen, wirkt es schon befremdlich, wie lax mit Steuergeldern in den Bauamtsstuben hantiert wird. Dipl.-Ing. (FH) Uwe Morchutt

Bibliografische Daten:
Ausschreibung nach VOB und BGB
Leitfaden zur sicheren Leistungsbeschreibung und Vergabe
Von Dipl.-Ing. (FH) Achim Henning.
2011. 17 x 24 cm. Kartoniert. 268 Seiten mit 53 Abbildungen und 12 Tabellen sowie 6 Checklisten. Mit Downloadangebot.
49  Euro
ISBN 978-3-481-02756-8
Verlagsgesellschaft Rudolf Müller GmbH & Co. KG
URL: www.baufachmedien.de