Buchtipp (7. August 2011)

Die häufigsten Mängel bei Beschichtungen und WDVS

Erkennen, vermeiden, beheben

Wenn ein Kenner des Baugeschehens im Frühjahr 2011 öffentlich postuliert, man solle nicht nur gebrauchstauglich und dauerhaft, sondern auch gerichtsfest bauen, ist es mit der Bauqualität in Deutschland nicht gut bestellt. Wer würde sich beispielsweise ein neues Auto kaufen, in das es reinregnet? Niemand! Im Falle, dass der Mangel nicht behoben wird, kann man das Auto sogar gegen ein anderes, fehlerfreies umtauschen! Im Bauwesen undenkbar: Der Besteller soll mit Mängeln leben oder gar eine eigene Dokumentation über die Mängel anlegen, damit er vor Gericht bestehen kann. Gerichtsfest kann aber auch bedeuten, dass derjenige, der sich den cleversten Anwalt leisten kann, am Ende als Sieger hervorgeht. Egal wie er die Bauqualität interpretiert! Wen wundert es da noch, wenn das Baurecht verstärkt in den Fokus rückt.

Eigentlich hat niemand das Geld, ob Auftraggeber oder Auftragnehmer, langwierig vor Gericht zu streiten. Trotzdem enden viel zu viele Bauvorhaben vor Gericht! Deshalb ist es am sinnvollsten, Mängel frühzeitig zu erkennen und zu vermeiden. Sind sie doch entstanden, sollten diese schnell behoben werden.

Bücher über Baumängel gibt es inzwischen wie Sand am Meer. Seltsam nur, dass die Mängel nicht abnehmen, sondern eher noch zunehmen! Ein aktuelles Beispiel dieser These ist das Werk: „Die häufigsten Mängel bei Beschichtungen und Wärme-Dämm-Verbund-Systemen (WDVS)“, das gerade in zweiter Auflage vorliegt. Ein Blick in das Werk soll zeigen, worauf es dem Autorenpaar ankommt.

   

Robert Kussauer und Max Ruprecht, zwei Experten auf ihrem Gebiet, betonen im Vorwort sogleich die komplexen Bedingungen, unter denen ein Bauwerk entsteht. Soll heißen: Das Bauen ist viel komplizierter, als viele glauben. Keine neue Aussage, aber immer wieder aktuell. Wertvoll wird das Werk dadurch, dass die technischen Zusammenhänge entsprechend den gültigen Regeln der Technik sachlich richtig und leicht verständlich dargestellt werden. Eine wichtige Basis, um überhaupt mangelfrei bauen zu können.

Pikanterweise beginnt das Buch dann auch mit den baurechtlichen Grundlagen, Kapitel 1, was das eingangs Gesagte nur untermauert. Der größte Fehler, der in der täglichen Praxis begangen wird, ist, so die Autoren, dass sich die Beteiligten am Bau erst mit den Rechten und Pflichten, die aus einem Bauvertrag entspringen, beschäftigen, wenn es zum Rechtstreit kommt! Anschließend werden Begriffe wie VOB/B, Leistungsverzeichnis, Allgemein anerkannte Regeln der Technik, Musterbauordnung sowie der Begriff des Mangels näher beleuchtet. Definitiv unverzichtbares Grundlagenwissen für jeden, der heute bauen will!

Kapitel 2 befasst sich ausgiebig mit der EnEV - Energie-Einspar-Verordnung. Der lange Weg von dem Energie-Einspar-Gesetz (EnEG) 1976 bis zur ersten EnEV im Jahr 2002, die auch den Energieausweis für Neubauten einfordert. Insgesamt 47 Druckseiten informieren u.a. über Ausführungsfehler und Schadensrisiken, die Vermeidung von Schäden bei der Altbausanierung sowie die Anforderungen für effiziente Wohngebäudesanierungen im Zusammenhang mit bereitgestellten Fördermitteln.

Unstrittig ist, dass die meisten Schäden entstehen, weil die bauphysikalischen Abläufe in einem Gebäude nicht beachtet oder gar nicht bekannt sind. Das verwünschte Wort heißt: Feuchtigkeit! Die Autoren widmen sich darum im Kapitel 3 den bauphysikalischen Grundlagen. Hier gibt es viele wichtige Antworten auf die Fragen: Welche Einflüsse hat die Feuchtigkeit auf ein Bauwerk und was gilt es zu beachten? Wie immer in solchen Abhandlungen treffen wir auf die diffizilen Wärmebrücken. Ein nach wie vor unterschätztes Phänomen ist die Feuchtigkeit in der Luft und die daraus resultierende Wasserdampfdiffusion.

Erst jetzt, Kapitel 4, verlassen die Autoren das Grundlagenwissen, um sich dem eigentlichen Buchtitel zu widmen. Das Wortgemenge lautet: Wärme-Dämm-Verbund-Systeme. Da die meiste Energie über die Außenwände entweicht, sorgen die WDVS seit über 50 Jahren zuverlässig für Abhilfe, besonders in der Altbaumodernisierung. Richtig geplant und verarbeitet, so das Autorenduo, leisten diese komplexen Bausysteme einen wertvollen Beitrag zur Energieeinsparung und zur Verbesserung des Wohnkomforts. In diesem ausführlichen Abschnitt erfährt der interessierte Beobachter alles, was er schon immer über die WDVS wissen wollte. Und zwar sehr anschaulich und leicht verständlich. Welches Dämmmaterial sollte gewählt werden und wie ist der Untergrund vorzubereiten? Nur zwei Fragestellungen dieser erschöpfenden Abhandlung.

Ist das Dämmmaterial exakt befestigt, folgt die Fassadenbeschichtung zum Schutz und zum Antlitz des Gebäudes. Im Buch befasst sich das Kapitel 5 mit dieser Problematik. Bekanntermaßen sind Beschichtungen, egal ob Putz oder Farbanstriche, nur so gut, wie der Untergrund es zulässt. Werden hier Versäumnisse offenkundig, wird man mit der Verschleißschicht keine Freude mehr haben. Natürlich dürfen in diesem Zusammenhang die Putzrisse nicht fehlen. Hierzu liefert das Werk viel wissenswertes, wie Putzrisse entstehen und wie man sie vermeiden kann. Störend und bisweilen unästhetisch sind Farbtonabweichungen oder mikrobieller Befall. Abschnitt 6 befasst sich ausgiebig mit dieser speziellen Form der Farbtonveränderungen.

Die Nanotechnologie wird gern als Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts bezeichnet. Ein Nanometer ist ein Milliardstel Meter. Diese Größenordnung charakterisiert einen Grenzbereich, in dem die Oberflächen- gegenüber den Volumeneigenschaften der Werkstoffe eine immer größere Rolle spielen. Themengebiet 7 beschäftigt sich mit dieser noch in den Kinderschuhen steckenden Technologie und gibt interessante Anregungen für deren Einsatzmöglichkeiten bei der Fassaden-Beschichtung.

Fazit: Das informative und visuell gelungene Handbuch vermittelt all das Wissen, was man sich als Interessent über Beschichtungen und WDVS wünscht. Wobei aktuelle Rechtsprechungen, Verordnungen, Regelwerke und Fördermöglichkeiten bei der energetischen Modernisierung die beschriebene Materie über Mängel, ihre Ursachen und geeignete Verfahren zur Sanierung äußerst nutzbringend bekleiden. Ein hochaktueller Ratgeber, denkt man an die Sanierungsherausforderung in Deutschland, der umfassende Hilfestellungen an die Hand gibt, will man teure Schäden bereits während der Planung vermeiden.

Themenerweiterungen wie Ebenheitsabweichungen an Fassadenoberflächen, Vermeidung von thermosolaren Schäden, Farbtonbeständigkeit sowie Einsatzkriterien der Nanotechnologie im Milieu der Beschichtungen liefern im Vergleich zur ersten Auflage zusätzliche Denkanstöße. Ein idealer Begleiter für Handwerker, Sachverständige und Planer, aber auch ein praktisches Lehrmittel für Ausbilder und Auszubildende an Fachschulen, damit die fundierten Anwendungsregeln eine große Marktdurchdringung erfahren.
Dipl.-Ing. (FH) Uwe Morchutt

Bibliografische Daten
Die häufigsten Mängel bei Beschichtungen und WDVS
Erkennen, vermeiden, beheben
Von Robert Kussauer, Max Ruprecht.
2. aktualisierte und erweiterte Auflage 2011. 17 x 24 cm. Gebunden. 464 Seiten
mit 350 Abbildungen und 88 Tabellen.
69 Euro
ISBN 978-3-481-02705-6
Verlagsgesellschaft Rudolf Müller GmbH & Co. KG
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