Buchtipp (18. Juli 2011)

Thermografie
Sicher einsetzen bei der Energieberatung, Bauüberwachung und Schadensanalyse

Wenn im Winter der Schnee leise auf die Dächer rieselt, kann der interessierte Beobachter folgendes Phänomen bestaunen: Auf manchen Dächern schmilzt der Schnee schneller als auf anderen. Die Ursache hierfür ist der unterschiedliche Dämmungsgrad der Dächer. Mangelhaft gedämmte Dächer weisen Wärmebrücken auf, die den Schmelzprozess der weißen Pracht beschleunigen. Mit Hilfe von Infrarotstrahlen lassen sich heutzutage diese Wärmeströme auf Oberflächen sogar sichtbar machen. Schwachstellen in der Dämmung oder bereits entstandene Feuchtigkeit in Wänden werden so für das menschliche Auge sichtbar. Auch Baumängel können auf diesem Weg sprichwörtlich ins Bild gerückt werden.

Die Thermografie, die seit über 20 Jahren erfolgreich im Baubereich angewendet wird, ist ein Bild gebendes Verfahren, das die angesprochene Infrarotstrahlung sichtbar macht. Inzwischen ist dieses zerstörungsfreie Messverfahren unter Fachleuten nicht nur anerkannt, es leistet auch eine wertvolle Hilfe bei der Energieberatung, bei der Bauüberwachung und baubegleitenden Qualitätssicherung sowie bei der Schadensanalyse und -bewertung. Eine Wärmebildkamera, auch wenn sie immer preiswerter wird, gehört dennoch immer in die Hände von Experten, weil nur sie die Thermobilder richtig interpretieren können. Diverse Schnäppchenangebote hier und da klingen zwar verlockend, aber außer bunter Bildchen steckt in der Regel nicht viel Substanz dahinter.

Dr. Herbert Wagner ist einer von den Fachleuten, der weiß, worauf es ankommt. Sein umfassendes Wissen hat er jetzt in den Praxis-Leitfaden: „Thermografie“ fließen lassen, um dieses beliebte Messverfahren praxisnah und fachgemäß einem größeren Leserkreis näher zu bringen.

   

Ein geschätzter Blick in das Werk soll zeigen, worauf es dem Autor bei der professionellen Thermografie ankommt. Low-Cost-Thermografie, wie sie der Autor in seiner Einleitung anmahnt, bringt keinem Hausbesitzer den gewünschten Erfolg. Thermische Schwachstellen am Gebäude sollen schließlich behoben und nicht, aufgrund einer fehlerhaften Interpretation, verschlimmert werden.

Deshalb gibt Dr. Wagner auch in Kapitel 2 sogleich eine kurze Einführung in die physikalischen Grundlagen, die es zu beachten gilt. Hier werden Begriffe wie Strahlungsdichte, Absorption und Reflexion, die nicht für jedermann auf Anhieb geläufig sind, erklärt. Die Temperaturmessung mit elektromagnetischer Strahlung folgt als nächstes, bevor die Wärmebildkamera ins Blickfeld gelangt. Was unterscheidet eigentlich eine Digital- von einer Wärmebildkamera? Hierauf bekommt der Leser ebenso Antworten wie darauf, welche Wärmebildkamera für welchen Anwendertyp geeignet ist? Die Auswahl ist wie immer breit gefächert, in etwa vergleichbar mit dem Kenntnisstand der Anwender.

Kapitel 3 befasst sich dann schon mit der eigentlichen Thermografieuntersuchung. Neben der richtigen Ausrüstung ist, so Dr. Wagner, vor allem aber die gründliche Vorbereitung der Untersuchung von Bedeutung. Der Experte unterscheidet zwischen Außen- und Innenthermografie, wobei Grundrisse, Lagepläne sowie Baubeschreibungen des Objektes für das Resultat Ziel führend sind. Ebenso bedeutsam für das Ergebnis sind die vorhandenen Klima- und Wetterfaktoren, die bei der Urteilsbegründung unbedingt mit einfließen müssen.

Abschnitt 4 widmet sich einer weiteren wichtigen Kenngröße bei der Bestimmung der thermischen Qualität eines Gebäudes: dem U-Wert (Wärmedurchgangskoeffizient). Die Ermittlung erfolgt in diesem Fall über die Wärmeströme, mittels Wärmestromplatte, so dass sich die Oberflächentemperaturen abschätzen lassen.

Welche Rolle spielt aber nun die Thermografie in der Energieberatung? Der Autor beschäftigt sich mit dieser Fragestellung ausführlich auf rund 44 Druckseiten, Kapitel 5, und gibt zahlreiche Lösungswege vor, in dem er die Transmissions- und Lüftungswärmeverluste sowie die Verluste der Heizungsanlage sorgfältig beleuchtet. Hier spielen bautechnische und anlagentechnische Aspekte eine wichtige Rolle. Es wird niemanden verwundern, dass wir in diesem Zusammenhang auch auf die berühmt berüchtigten Wärmebrücken treffen. Im Mittelpunkt jeder Energiebewertung steht die Forderung, was ist zu tun, damit die kostbar erzeugte Wärme innerhalb eines Gebäudes niemals ungezügelt abhanden kommt. Daher sollte jede Untersuchung dem Aufspüren vorhandener Leckagen dienen (z.B. auch durch einen Blower-Door-Test - Luftdichtigkeitsprüfung). Anhand von zahlreichen Fallbeispielen zeigt der Autor die thermischen Schwachstellen exemplarisch auf.

Der letzte große Themenkomplex, Kapitel 6, befasst sich eingehend mit der Qualitätssicherung und der Schadensanalyse. Dr. Wagner ist ein klarer Verfechter der ganzheitlichen Gebäudeanalyse, weil seiner Meinung nach nur diese wirklich Sinn macht. Die Komplexität eines Gebäudes widerspricht zudem der Untersuchung von Teilbereichen. Die Praxis verrät es immer wieder: Fehler in der Anamnese führen zu Fehlern in der Planung und Ausführung der gewählten Sanierungsmaßnahme. Die exakte Analyse von Feuchteschäden ist dabei nur ein Aspekt, den es zu beachten gilt.

Eine Marktübersicht über das derzeitige Angebot von Thermografie-Kameras rundet das Werk sinnvoll ab.

Fazit: Nur mit der richtigen Interpretation von Thermobildern können sichere Analysen und effektive Sanierungsvorschläge getroffen werden. Das Handbuch zeigt praxisnahe Fallbeispiele und erörtert typische Fehlerquellen beim täglichen Umgang mit der Thermografie. Das Werk hilft u.a. Architekten und Bauleitern, wie sie mit Hilfe der Thermografie Baufehler zerstörungsfrei lokalisieren und Schäden im Vorfeld verhindern können. Fachgerecht eingesetzt bietet die Thermografie im Baubestand eine geeignete Untersuchungsmethode und hilft bei der Auswahl der richtigen Sanierungslösung.

Energetische Mängel treten laut VPB (Verband-Privater-Bauherren) zufolge in über 70 Prozent aller Neubauten auf. Das liegt nicht nur an einer fehlerhaften Planung und Berechnung, sondern auch an der handwerklich miserablen Ausführung. Vermeiden lassen sich derartige Baumängel nur durch die permanente Kontrolle der Bauverantwortlichen auf der Baustelle. Dipl.-Ing. (FH) Uwe Morchutt

Bibliografische Daten
Thermografie
Sicher einsetzen bei der Energieberatung, Bauüberwachung und Schadensanalyse
Von Dr. Herbert Wagner.
2011. DIN A4. Kartoniert. Ca. 180 Seiten mit ca. 350 farbigen Abbildungen und Tabellen.
49 Euro
ISBN 978-3-481-02733-9
Verlagsgesellschaft Rudolf Müller GmbH & Co. KG
URL: www.baufachmedien.de