Algen an Hausfassaden: Baumangel? (20. Juli 2010)

Ein aktuelles Urteil des OLG Frankfurt am Main (Zur Mangelhaftigkeit einer wärmegedämmten Wohnhausfassade, die großflächigen Algen- und Pilzbewuchs aufweist. OLG Frankfurt - AZ: 7 U 76/09 vom 7. Juli 2010) rückt ein seit vielen Jahren bekanntes Problem wieder verstärkt in den Fokus der Betrachtung: Algen an Hausfassaden.

Wie kommen Algen aber nun an die Fassade?
Algen sind bekanntermaßen einfache Mikroorganismen, deren Keime dauerhaft in der Luft zu finden sind. Um sich so richtig wohl zu fühlen und ungehindert vermehren zu können, benötigen sie lediglich Licht, Luft und Wasser. Je nach örtlichen Umweltbedingungen und Art des Außenputzes kommt es vor allem bei Wärme-Dämm-Verbund-Systemen (WDVS) mit Wasser abweisender Putzschicht, niedrigen Oberflächentemperaturen und längerer Oberflächenfeuchte zur Besiedelung des Putzes durch diese possierlichen Erscheinungen, die sich schnell vermehren und schon rasch hässliche Verfärbungen der Fassade verursachen. In der Rechtsprechung ist bisweilen umstritten, ob in solchen Fällen ein Baumangel oder nur eine Folge von Umwelteinflüssen vorliegt, für die der Auftragnehmer (Bauunternehmen) nicht einstehen muss.

OLG München: Baumangel!
Das OLG München hatte bereits im Urteil vom 27. Januar 1999 - AZ: 27 U 415/98 entschieden: Weist der Außenputz im Bereich der Fassade aufgrund von Algenbefall wenige Jahre nach der Abnahme typische Verfärbungen auf, so handelt es sich um einen Baumangel. Ein Außenputz, der nur Spuren normalen Verschleißes, der normalen Verwitterung und Verschmutzung durch die Umwelt zeige, sei nicht mangelhaft. Wenn aber nach kurzer Zeit erhebliche Verfärbungen des Außenputzes auftreten, die bei den benachbarten Häusern nicht auftreten, handele es sich insoweit um einen Mangel des Putzes, der infolge dieser Verfärbungen von dem abweiche, was üblicherweise bei Außenputzen zu erwarten sei. Er müsse zumindest den üblichen Umwelteinflüssen standhalten. Dass der Auftragnehmer grundsätzlich nicht haften müsse, ist also nicht korrekt!

OLG Frankfurt am Main: Baumangel!
Ein Blick in die aktuelle Entscheidung des OLG Frankfurt am Main (AZ: 7 U 76/09) zeigt, dass man vor allem von Bausünden ausgegangen ist. Der Mangel besteht nach Auffassung der Klägerin (Wohnungseigentümergemeinschaft) darin, dass sich an der weiß gestrichenen Fassade des Gebäudes schon nach zwei Jahren in weiten Teilen dunkle streifige Verfärbungen gebildet haben. Das Landgericht Wiesbaden (1. Instanz) hat die Beklagte antragsgemäß zur Zahlung eines abzurechnenden Vorschusses für die Kosten der Mängelbeseitigung nebst Zinsen verurteilt. Es hat angenommen, dass die Erwerber des neu hergestellten Wohngebäudes erwarten konnten, dass die Fassade bis zum Ende der Gewährleistungsfrist ansehnlich bleibt und jedenfalls eine Graufärbung nicht schon nach zwei Jahren eintrete.

Der hinzugezogene Sachverständige hat festgestellt, dass die Verfärbungen bei Ausführung größerer Dachüberstände nicht eingetreten wären. Diesen Konstruktionsfehler habe die Beklagte zu verantworten. Zur Beseitigung des Mangels seien die Verbreiterung der Dachüberstände und eine Reinigung der Fassade erforderlich. Die Ansprüche seien auch nicht verjährt, weil die Einleitung des selbständigen Beweisverfahrens zur Hemmung der Verjährung geführt habe und die Klage innerhalb der nach Beendigung der Hemmung verbliebenen Verjährungsfrist eingereicht und der Beklagten zugestellt worden sei.

Die Verfärbung der Fassade sei darauf zurückzuführen, dass bei Verwendung eines Wärmedämmsystems die Fassaden-Außentemperaturen dauerhaft niedriger als bei einer ungedämmten Fassade seien und deshalb die Feuchtigkeit länger auf dem Putz stehe und deshalb zu diesen natürlichen und dauerhaft nicht zu vermeidenden Symptomen führe. Das habe der Sachverständige auch bestätigt. Es habe auch aus der Umgebung keine Anhaltspunkte für ein vermehrtes Algen- und Pilzwachstum gegeben.

Wenn Bautechniken wie die Dämmung einer Fassade unerwartete Folgen nach sich ziehen, die insgesamt zu einem Mangel führen, haftet der Werkunternehmer hierfür auch im Rahmen der Gewährleistung. Welcher Wandaufbau hierbei zum Tragen gekommen ist, geht aus dem Urteil leider nicht hervor!

Neue Erkenntnisse verhindern Algenwachstum
Neben Konstruktions- und Ausführungsfehlern kommen aber auch grundsätzlich falsche Ansätze in der Fassadengestaltung zum Ausdruck. Putz, der mit Zuschlagstoffen hydrophobiert (wasserabweisend) oder mit einem hydrophoben Anstrich versehen wurde, ist schon nach kurzer Zeit extrem verschmutzt, gerade in den Rillen und Unebenheiten sammeln sich Schmutzpartikel und Mikroorganismen, grüne Bereiche werden relativ schnell sichtbar.

Experten vom Fraunhofer Instituts für Holzforschung, Holzkirchen, empfehlen beispielsweise hydrophile Materialien. Sie absorbieren das Wasser und entziehen den Algen somit die Lebensgrundlage. Der Putz ist kälter, wenn er direkt auf das Mauerwerk aufgebracht wird. Dadurch, dass der Putz kälter ist, fällt Kondenswasser in größeren Mengen an, was für ein vermehrtes Algenwachstum spricht. Aus diesem Grund befallen Putze, die auf Wärmedämmungen aufgebracht werden, in der Regel wesentlich schneller mit Algen als Putze, die direkt auf einem massiven Mauerwerk aufgebracht werden.

So genannte hydrophile, also Wasser aufnehmende Putze, können bis zu 100 ml Wasser pro Quadratmeter aufnehmen. Bei hydrophoben, also Wasser abweisenden Putzen, bleibt die Nässe auf der Oberfläche. Dabei sind Algen auf dem Putz nicht nur ein ästhetisches Problem: Die Organismen scheiden Säuren aus, die das Material auf Dauer zerfressen und schädigen können.

Dünne Schichten kühlen schneller aus
Aus Gründen der Zeit-, Material- und Kostenersparnis beruht der übliche WDVS-Aufbau (Dämmung, Putz, Farbe) auf dünnen Schichten. Denn dünne Schichten sind einfacher und schneller zu verarbeiten und somit kostengünstiger. Dünne Putzschichten kühlen aber schneller aus. Dadurch findet eine erhöhte Betauung  der Fassade statt, so dass sie vor eindringender Feuchtigkeit geschützt werden muss. Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, werden Farben und Putze mit Bioziden versetzt und hoch hydrophob hergestellt.

Die Hydrophobierung bewirkt einen scheinbar schützenden Film (Abperleffekt), der allerdings die Trocknung während der Tauperioden zusätzlich verlangsamt. Der Wasserfilm bleibt also länger auf der Gebäudehaut liegen. In diesem anhaltend feuchten Milieu finden Algen und Pilze ideale Wachstumsbedingungen. Nun treten die Biozide in den Produkten in Aktion und töten die entstehenden Mikroorganismen. Biozide waschen sich aber nach und nach ab und verlieren so ihre Wirksamkeit an der Fassade. Darüber hinaus gelangen die Biozide in das Erdreich und in das Grundwasser, so dass eine gesundheitliche Gefahr davon ausgeht (Beachte: EG-Biozid-Richtlinie und Biozidgesetz vom 27. Juni 2002, das am 28. Juni 2002 in Kraft getreten ist).

Verkürzung der Betauungszeiten
Der neu entwickelte  Wandaufbau ist dickschichtig mineralisch verputzt und mit einem mineralischen Anstrich versehen. Diese Beschichtung ist hydrophil. Die reine Mineralfarbe saugt es auf und verhindert, dass sich Wassertropfen auf der Fassade lagern. Die darunter liegenden dickschichtigen mineralischen Putze nehmen die Feuchtigkeit auf, speichern sie und geben sie wieder ab. Sie verhalten sich also durch ihre Kapillaraktivität hydroaktiv (wasseraktiv). Eine Untersuchung vom Fraunhofer Institut für Bauphysik zu den jährlichen Feuchtebelastungen von Fassaden zeigt, dass Tauwasserbelastungen  der Oberflächen um ein vielfaches länger andauern als die Regenwasserbelastungen. Daher muss eine funktionstüchtige Algen und Pilzvorbeugung zuerst den Tauwasseranfall auf Fassadenoberflächen minimieren.

   

Das primäre Ziel muss daher sein, während der Betauungszeiten die Ausbildung von flüssigem Wasser in Form von Tropfen an der Oberfläche zu minimieren. Bauphysikalisch und bauchemisch bedeutet dies, die Adsorption von Feuchte zu optimieren, so dass kein Oberflächenwasser entsteht. In der Praxis erreicht man dies durch bewusste und gezielte Produktrezeptierung unter dem Aspekt eines optimalen Feuchte-Managements, der Auswahl geeigneter Rohstoffe sowie durch eine entsprechende Abstimmung der Fertigprodukte, hier Armierungsmasse, Putz und Anstrich im Systemaufbau.

Hydrophile Alternative einer Algenvorbeugung ohne Biozide
Langjährige Praxiserfahrungen und wissenschaftliche Untersuchungen belegen den Erfolg einer Algen- und Pilzvorbeugung mit mineralisch gebundenen, biozidfreien und hydrophilen Farben und Putzen. Dabei ist bekannt, dass mit mineralischen Baustoffen, die die Oberflächenfeuchte niedrig halten, an monolithischen aber inzwischen auch an WDVS-Fassaden überwiegend positive Erfahrungen gemacht werden. Die neue WDVS-Technologie AquaPuraVision® - Bilder 1 bis 3 (Quelle: AquaPuraVision®).

Bild 1: Taufeuchte wird sofort von der hydrophilen Anstrichschicht aufgenommen. Die Oberfläche bleibt weitgehend trocken.

Solche „hydroaktiven“ und biozidfreien Systeme stellen damit eine ökologisch sinnvolle und nachhaltige Alternative zu herkömmlichen biozidhaltigen Systemen dar, die noch dazu die Gewässer belasten, weil sie von der Fassade abgewaschen werden.

Bild 2: Feuchte wird kontinuierlich von den hydroaktiven Putzschichten aufgenommen, zwischengespeichert und wieder abgegeben.

Unstrittig ist mittlerweile:
- Wärme-Dämm-Verbund-Systeme haben in Neubau und Bauwerkserhaltung eine wachsende Bedeutung, weil sie nachweislich zur Reduzierung von Energieverlusten führen.
- Die Hauptursache für den Bewuchs von Fassaden ist die Oberflächenfeuchte in Form von flüssigem Wasser  (Tau- und Kondenswasser) in Verbindung mit Schmutzablagerungen.
- Es gibt viele Objekte mit Biozidanteilen die trotzdem mit Algen- und Pilzen befallen sind. Gründe hierfür sind: Biozide sind wasserlöslich und waschen sich mit Wasser aus.

Bild 3: Die Kapillaraktivität des Putzes und die silikatische, hoch diffusionsoffene Matrix des Anstrichs sorgen für eine schnelle Rücktrocknung.

Die Lösung bietet demnach ein hydroaktives System mit einer genau gesteuerten Wasseraufnahme im Systemaufbau. Die Taufeuchte wird von der hydrophilen Oberfläche eines Silikatanstrichs aufgenommen. Die Oberfläche bleibt nahezu tropfenfrei. Die aufgenommene Feuchtigkeit von Regen- und Tauwasser wird im Anstrich und Putz zwischengespeichert (Pufferzone). Ein kapillaraktiver Feuchtetransport der Putzschicht und die hohe Diffusionsfähigkeit des Anstrichs sorgen für eine schnelle Rücktrocknung. Gleichzeitig verringert ein dickschichtiger WDVS-Aufbau mit erhöhtem Wärmespeichervermögen die Dauer der Taupunktunterschreitung. Durch mineralisch gebundene Oberflächen wird die Schmutzanfälligkeit deutlich reduziert.

Diese Zusammenhänge waren der Auslöser einer von der Wissenschaft unterstützten Initiative zu einem verantwortungsbewussten, biozidfreien, hydroaktiven WDVS-Aufbau. Die Initiative AquaPuraVision® macht sich die beschriebenen Erkenntnisse der Bauphysik und Bauchemie zu Nutze. Beide WDVS-Technologien verfügen über die Europäische Technische Zulassung: PuraVision KD (Außenseitiges Wärme-Dämm-Verbund-System mit Putzschicht - ETA-09/0279 vom 6. Oktober 2009; PuraVision MD (Außenseitiges Wärme-Dämm-Verbund-System mit Putzschicht - ETA-09/0232 vom 24. Juli 2009).

Das Funktionsprinzip der Hydroaktivität kurz zusammengefasst:
- Die genau gesteuerte Wasseraufnahme des Systems verhindert die Tropfenbildung von Taufeuchte an der Fassadenoberfläche.
- Die Feuchtigkeit wird direkt von der hydrophilen Oberfläche des Silikatanstrichs aufgenommen. Die Oberfläche bleibt nahezu tropfenfrei.
- Die Feuchtigkeit von Regen- und Tauwasser wird im Anstrich und Putz zwischengespeichert (Pufferzone).
- Der kapillaraktive Feuchtetransport der Putzschicht und die hohe Diffusionsfähigkeit des Anstrichs sorgen für eine schnelle Rücktrocknung.
- Der dickschichtige Aufbau schafft über Masse ein erhöhtes Wärmespeichervermögen und so eine Zeitverzögerung zum Erreichen der Taupunkttemperatur.
- Der Silikatanstrich reduziert die Verschmutzungsneigung der Fassaden.
Dipl.-Ing. (FH) Uwe Morchutt – unabhängiger Sachverständiger im Bereich Feuchteschutz

Weitere Infos: www.aquapuravision.de