Einsturz der Eissporthalle Bad Reichenhall (14. Januar 2010)

BGH: Freispruch aufgehoben

Genau vier Jahre ist es jetzt her, als am 2. Januar 2006, fünf Minuten vor der wegen starker Schneefälle beabsichtigten Schließung, das Dach der von der Stadt Bad Reichenhall betriebenen Eissporthalle einstürzte. 15 Besucher – vornehmlich Kinder – fanden dabei den Tod; sechs weitere Besucher wurden zum Teil schwer verletzt.

Das Landgericht Traunstein hatte mit Urteil vom 18. November 2008 einen der Angeklagten, einen Diplom-Ingenieur im Fachbereich Ingenieurbau, vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung und Körperverletzung freigesprochen. Er war im Jahre 2003 von der Stadt Bad Reichenhall gegen einen Festbetrag in Höhe von 3 000 € beauftragt worden, hinsichtlich des gesamten Hallenkomplexes die erforderlichen Kosten im Falle einer Sanierung zu ermitteln. Ein Standsicherheitsgutachten war nicht verlangt worden; dieses hätte beispielsweise das Zehnfache gekostet. Obwohl vom Auftrag nicht umfasst, kam der Angeklagte aufgrund unzulänglicher Untersuchung zu dem falschen Ergebnis, die Tragekonstruktion des Hallendachs sei in einem guten Zustand.

Auf die Revisionen der Staatsanwaltschaft und mehrerer Nebenkläger hat der Bundesgerichtshof den Freispruch wegen Rechtsfehlern bei der Beweiswürdigung per 12. Januar 2010 aufgehoben. Das Landgericht hat folgende Feststellungen getroffen: Das Dach der in einem Gesamtkomplex mit einer Schwimmhalle im Jahre 1973 errichteten Eissporthalle – eine Kämpf-Trägerkonstruktion mit Leimbindern – hatte schon bei der Errichtung nicht die vorgeschriebene Reserve an Tragfähigkeit. Dies war die Folge von Planungsfehlern und Baumängeln. Auch war die für eine Halle mit einer Spannweite von 40 m erforderliche Einzelfallgenehmigung der obersten bayerischen Baubehörde nicht eingeholt worden. Besonders verhängnisvoll wirkte sich die sachwidrige weitgehende Verwendung von – billigerem – wasserlöslichem Formaldehydharnstoffleim (Harnstoffharzleim) statt feuchtigkeitsunempfindlicher Resorcinharz-Produkte aus. Kondenswasser löste die Leimverbindungen zunehmend auf. Dies blieb der Stadt Bad Reichenhall verborgen, da das Dach der Eissporthalle während der 33jährigen Betriebszeit nie einer sachkundigen Überprüfung auf fortbestehende Tragfähigkeit unterzogen worden war.

Anm. bauwissen-online: Extreme Anforderungen an Wasser- und Wärmefestigkeit wie z.B. im Bootsbau, bei Schwimm-/Eissporthallen mit Dachträgerkonstruktionen bestehend aus Leimbindern oder bei Anwendungen im Außenbereich erfordern zugelassene Leime (DIN 18 141), wie z.B. Phenolharze oder Resorcinharze. Hierzu sagt der "Holzbau Atlas“, 2. Auflage, von Natterer, Herzog, Volz, Rudolf Müller Verlag, Köln 1996, auf Seite 118: "Für Bauteile, die im Gebrauchszustand unmittelbar der Witterung oder in Gebäuden Klimabedingungen ausgesetzt sind, bei denen eine Gleichgewichtsfeuchte von 20 Prozent oder langfristig eine Temperatur im Bauteil von 50 °C überschritten werden kann, dürfen nur Kunstharzleime verwendet werden, die auf Beständigkeit gegen alle Klimaeinflüsse geprüft sind (z.B. Resorcin- oder Melaminharzleim). Tragende Leimverbindungen dürfen nur von Firmen mit einer Leimgenehmigung hergestellt werden."
Am 22. Juni 1906 erhielt der Großherzogliche Hofzimmermeister und Begründer des Holzleimbaus Karl Friedrich Otto Hetzer das Deutsche Reichspatent Nr. 197773 für gebogene, verleimte Brettschichtträger aus zwei oder mehr Lamellen. Das war vor über 100 Jahren die Geburtsstunde des modernen Ingenieur-Holzbaus. Karl Friedrich Otto Hetzer (1846-1911) führte in Weimar ein Dampfsägewerk mit Zimmerei. Der Hofzimmermeister Hetzer würde sich im Grabe umdrehen, hätte er die baulichen Unzulänglichkeiten in Bad Reichenhall miterleben müssen!

Am Vormittag des 2. Januar 2006 stellte der Hallenbetriebsleiter nach Schneefällen eine Belastung des Hallendachs fest, die noch im Bereich der – nach den statischen Berechnungen aus der Bauzeit – maximal zulässigen Schneelast (150 kg/m²) lag. Da weitere Schneefälle angekündigt waren, sollte die Halle um 16:00 Uhr geschlossen werden, um das Dach am kommenden Tag vom Schnee zu räumen. Um 15:55 Uhr stürzte das Hallendach dann ein. In Anbetracht der vorneherein geminderten Tragfähigkeit, des natürlichen Alterungsprozesses, vor allem aber wegen der sich auflösenden Leimverbindungen war das Dach der Belastung nicht mehr gewachsen.

Die Staatsanwaltschaft hatte dem Angeklagten zur Last gelegt, er habe bei der Erledigung dieses Auftrags unterlassen, die Träger des Daches umfassend aus nächster Nähe ("handnah") zu betrachten. Eine solche handnahe Untersuchung sei vom Auftrag umfasst gewesen. Risse, Spaltenbildung und Durchfeuchtung seien so unentdeckt geblieben. Gleichwohl habe der Angeklagte in seiner "Studie für die Sanierung des Bauvorhabens Eislauf- und Schwimmhalle" die Tragekonstruktionen positiv bewertet. In Unkenntnis dieser Mängel habe die Stadt dann keine tiefer gehenden Untersuchungen veranlasst. Sie habe deswegen keine Maßnahmen ergriffen, um der Gefahr, die von der eingeschränkten Tragfähigkeit der Dachkonstruktion der Eishalle ausging, zu begegnen, etwa durch Schließung der Halle oder zumindest durch Begrenzung der Schneelast. Der Angeklagte habe somit den Tod bzw. die Verletzung der Besucher durch pflichtwidriges Unterlassen der handnahen Untersuchung fahrlässig verursacht.

Das Landgericht hat den Angeklagten aus tatsächlichen Gründen freigesprochen. Das Unterlassen einer handnahen Untersuchung der Tragfähigkeit des Daches sei zwar pflichtwidrig, aber nicht ursächlich für den Einsturz gewesen.

Zwar habe der Angeklagte ihm obliegende Sorgfaltspflichten verletzt. Er sei aufgrund seines Auftrags als "Garant" verpflichtet gewesen, Gefahren für die Allgemeinheit abzuwenden. Jedoch sei nicht mit dem erforderlichen Maß an Sicherheit erwiesen, dass sein Fehlverhalten für das Unglück ursächlich war. Denn es verblieben erhebliche Zweifel, dass die Verantwortlichen der Stadt Bad Reichenhall Warnhinweise des Angeklagten zum Anlass für weitere Maßnahmen genommen hätten. Dies folge aus der bisherigen Untätigkeit der Stadt. Diese habe trotz schon früher erfolgter Anregungen, vertiefte Untersuchungen zu veranlassen, und trotz sonstiger Warnhinweise zur Tragfähigkeit des Vordachs des Eingangsbereichs nichts unternommen.

Der BGH hat zunächst ausgeführt, dass das Landgericht von seinem Standpunkt aus – wonach der Schwerpunkt des Vorwurfs im Unterlassen liege – die Ursächlichkeit zu Recht daran gemessen hat, ob die gebotene Handlung den Erfolg aller Voraussicht nach verhindert hätte (sog. (hypothetische Kausalität). Rechtsfehlerhaft sei jedoch die tatsächliche Annahme des Landgerichts, die Verantwortlichen der Stadt Bad Reichenhall wären auch bei den hier gebotenen Warnhinweisen des Angeklagten auf die mangelnde Tragfähigkeit des Hallendachs untätig geblieben. Gebotene Hinweise auf Risse, undichte Fugen und Durchnässungen des Daches wären für die Stadt nahe liegend – so der Bundesgerichtshof – geradezu ein Alarmsignal für die mangelnde Tragfähigkeit des Hallendachs gewesen.

Das Landgericht habe deshalb nicht rechtsfehlerfrei dargelegt, dass die Verantwortlichen der Stadt Bad Reichenhall auch trotz solcher Warnhinweise keine Maßnahmen zur Beseitigung der Gefahrenquelle ergriffen hätten. So blieben etwa mögliche Maßnahmen zur Begrenzung der Öffnungszeiten bei erhöhter Schneelast oder die frühere Räumung des Dachs vom Schnee unerörtert.

Der BGH hat die Sache zu neuer Verhandlung und Entscheidung an eine andere Strafkammer des Landgerichts Traunstein zurückverwiesen. Diese Strafkammer wird, wenn sie wiederum eine Pflichtwidrigkeit des Angeklagten feststellen sollte, erneut Gelegenheit haben, zu prüfen, ob das Schwergericht des Fehlverhaltens des Angeklagten beim Unterlassen oder bei einem positiven Tun liegt. Positives Tun könne vorliegen, weil der Angeklagte über das Unterlassen der handnahen Untersuchung hinaus den Zustand des Daches ausdrücklich als gut bezeichnet habe.

Ferner wird zu prüfen sein, wie sich dies dann – gegebenenfalls – auf einen etwaigen mangelnden Einsatzwillen der Stadt Bad Reichenhall bei der Baubetreuung und damit hinsichtlich der Vermeidung von Gefahren, die von der in die Jahre gekommen Halle ausgehen könnten, auswirkte. Dabei könnte auch von Bedeutung sein, ob sich den Verantwortlichen der Stadt die mangelnde Zuverlässigkeit der Erklärung des Angeklagten hätte aufdrängen müssen. Das liegt angesichts des in Auftrag gegebenen geringen Umfangs der Begutachtung nicht ganz fern. (Quelle: BGH)

BGH – AZ: 1 StR 272/09 vom 12. Januar 2010

 

Mängel und Versäumnisse schonungslos aufgedeckt!

Zustand der Halle von Verantwortlichen schöngeredet!
Ein Blick in die Einschätzung der Bausubstanz vor dem Einsturz: "Die Tragkonstruktionen - sowohl Holz- als auch Stahlbetonkonstruktion der gesamten Eislaufhalle - befinden sich in einem allgemein als gut zu bezeichnenden Zustand ... In der Holzkonstruktion sind lediglich Wasserflecken aufgrund von Unregelmäßigkeiten/Wassereinbrüchen aus der Dachentwässerung festzustellen. Diese haben jedoch weder auf die Qualität noch auf die Tragfähigkeit des Tragwerkes Einfluss."

Horrorszenario: Kondensat und Schimmel in der Dämmung
Großteile der Mineralwolledämmung unter der Dachfläche waren nach Begutachtung an der Unglücksstelle durch Schimmelbefall großflächig verschimmelt. Kondensat und Schimmel in der Dämmung - der bauphysikalische Klassiker aller Dach- und Wanddämmungen schlechthin! Großflächiger Schimmelbefall deutet im Allgemeinen daraufhin, dass über einen längeren Zeitraum eine Dauerdurchfeuchtung stattgefunden haben muss! Bauphysikalisch erwiesen ist, dass an jedem Dach zur kälteren Jahreszeit innenseitig Kondensat anfällt.

Beachte: Schimmelwachstum führt zu einer Verminderung der Reiß-, Zug- und Biegefestigkeit, der Elastizität und unter Umständen auch der Isolierwirkung der Kunststoffe.

Chronologie der Fehler!
Die in den Jahren 1971/1972 errichtete Eissporthalle Bad Reichenhall war ein Bauwerk mit ca. 75 m Länge und rd. 48 m Breite. Das Dach wurde durch 2,87 m hohe Hauptträger getragen, die in Holzbauweise als Kasten erstellt wurden. Dabei handelte es sich um eine Sonderkonstruktion. Die Kastenträger waren mit Ober- und Untergurten aus Brettschichtholz sowie aus seitlichen Stegplatten in so genannter "Kämpfsteg-Bauweise" hergestellt, wobei die 48 m langen Gurte aus drei 16 m langen Teilen bestanden, die mit so genannten Universal-Keilzinkungen gestoßen waren. Für die Kämpfsteg-Bauweise lag eine allgemeine bauaufsichtliche Zulassung vor, die allerdings die Bauhöhe der daraus hergestellten Träger auf 1,20 m beschränkte.

Zugelassene Bauhöhe überschritten
Bei der Eissporthalle in Bad Reichenhall hat man bei Planung und Ausführung gegen wesentliche Regelungen der allgemeinen Zulassung für die Kämpfbauweise verstoßen und den damals verfügbaren Erfahrungsschatz verlassen. Insbesondere wurde die maximale Trägerhöhe von 1,20 m, laut Zulassung bei der Eissporthalle Bad Reichenhall mit einer Trägerhöhe von 2,87 m Höhe, bei weitem überschritten. Eine beantragte Erweiterung der Zulassung auf die geplante Bauweise mit Kastenträger ohne Höhenbegrenzung war im Jahr 1971 vom Institut für Bautechnik (DIBt) nicht erteilt worden.

Beachte: Für die Ausführung der Sonderkonstruktion wäre in jedem Fall eine "Zustimmung im Einzelfall" der Obersten Baubehörde des Freistaates Bayern erforderlich gewesen. Eine solche Zustimmung durch die Baubeteiligten wurde nicht beantragt und sucht man vergebens.

Statische Berechnung nicht geprüft!
Eine von einem Prüfingenieur geprüfte statische Berechnung des Daches der Eissporthalle konnte  nicht gefunden werden. Ohne eine geprüfte Statik hätte das Bauwerk nicht errichtet werden dürfen!

Ungeprüfte Statik auch noch fehlerhaft!
Die Überprüfung der nicht geprüften statischen Berechnung ergab, dass zwei nennenswerte Fehler bzw. Versäumnisse begangen wurden. Die Zugspannungen im Schwerpunkt der Gurte wurden nicht nachgewiesen. Hierdurch wurde das Tragverhalten der Gurte zu hoch bewertet. Auch die Schwächung der Konstruktion infolge der Stöße von Gurten und Stegen mit so genannten Universalkeilzinkungen wurde in der statischen Berechnung nicht berücksichtigt. Diese Fehleinschätzung führte zu einer deutlichen Überbewertung des statischen Tragverhaltens der Deckenträger. Somit war die notwendige Bauwerksicherheit von mindestens 2,0 nicht vorhanden.

Beachte: Die Bauwerkssicherheit (so genannter rechnerischer Sicherheitsbeiwert - Sicherheitsreserve) beinhaltet eine mögliche Überschreitung der Last, die Bauwerksalterung und geringfügige Abweichungen bei Planung und Herstellung. Vergleichsrechnungen der Gutachter unter Verwendung der zum Zeitpunkt der Errichtung der Eissporthalle Bad Reichenhall geltenden technischen Regeln haben gezeigt, dass die rechnerische Sicherheit zum Zeitpunkt der Errichtung der Halle unter Berücksichtigung aller Randbedingungen und Nachweise lediglich in der Größenordnung von etwa 1,5 lag.

Verwendung von Harnstoffharzklebstoffen
Die Hauptträger des Dachtragwerks wurden überwiegend unter Verwendung eines Harnstoff-Formaldehyd-Klebstoffes hergestellt. Die Verwendung dieses Klebstoffes für tragende Bauteile war auch nach den damals bestehenden Regeln der Technik nur in einem trockenen Umgebungsklima zulässig. Nach heutigem Wissensstand sind Harnstoffharzleime für die Verleimung tragender Bauteile in Eishallen nicht geeignet, da sie nicht dauerhaft Feuchte beständig sind.

Kritisches Klima: zu hohe Luftfeuchte!
Unbeheizte und nicht klimatisierte Eishallen weisen für Feuchte empfindliche Bauteile ein besonders kritisches Klima auf. Die relative Luftfeuchtigkeit in solchen Hallen ist in der Regel sehr hoch. Zudem führt die Wärmeabgabe infolge der Wärmestrahlung zwischen Hallendecke und Eisfläche zu einer Unterkühlung und damit zu einer vermehrten Tauwasserbildung an der dem Eis zugewandten Unterseite der Dachkonstruktion. In Bad Reichenhall kam es zudem zu wiederholten Wassereinbrüchen infolge von Undichtigkeiten an der Dachhaut bzw. im Bereich der Dachentwässerung.

Durch die über Jahre hinweg auftretende Feuchtebeanspruchung in der Eissporthalle Bad Reichenhall wurden die mit Harnstoffharzklebern ausgeführten Klebeverbindungen der Dachkonstruktion erheblich geschädigt. An den Universalkeilzinkungen der Untergurte war der Kleber zum Teil so geschädigt, dass er bis in eine Tiefe von 5 bis 8 cm keine Klebewirkung mehr hatte.

Mängel an den Hauptträgern
Der Herstellungsvorgang der Kastenquerschnitte der Hauptträger durch Blockverleimung zwischen Stegen und Gurten entsprach nicht den damaligen allgemein anerkannten Regeln der Technik.

Instandhaltung mangelhaft
Die durchgeführten Instandhaltungsmaßnahmen des Gebäudes belegen, dass die Ursachen der immer wieder auftretenden Wassereinbrüche in das Gebäudeinnere der Eissporthalle (Undichtigkeiten an der Dachhaut) nicht dauerhaft beseitigt wurden und während der Dauer der Hallennutzung kein Renovierungsanstrich der hölzernen Dachkonstruktion (vorbeugender Holzschutz!) erfolgte.

Eine fachgerechte Überprüfung zur Standsicherheit der Dachkonstruktion ist nicht dokumentiert. Dabei wäre zu berücksichtigen gewesen, dass es sich um eine Sonderkonstruktion handelt. Ferner müssen auch vor Jahren schon Anzeichen für eine Schädigung der Verklebungen zwischen Gurten und Stegen sowie an den Universalkeilzinkenverbindungen der Untergurte und große Fugen an den Stegen vorhanden gewesen sein.

Resümee der Einsturzursachen
Die infolge von Fehlern der statischen Berechnung und konstruktiver Mängel ohnehin zu geringe Bauwerkssicherheit von deutlich weniger als 2,0 wurde über die Standzeit des Gebäudes durch äußere Einflüsse, insbesondere die Verschlechterung der Klebeverbindungen an den Untergurten, stetig weiter reduziert, bis es am 2. Januar 2006 – letztendlich ausgelöst durch die Schneelast - zum Einsturz der Halle kam. Nach den Erkenntnissen der Sachverständigen versagte einer der drei ostseitigen Hauptträger zuerst. Durch die steifen Querträger wurden die Lasten von dem zuerst versagenden Träger auf benachbarte Träger umgelagert. Diese bereits vorgeschädigten Träger wurden somit überlastet, wodurch das gesamte Dach reißverschlussartig einstürzte.

Vorsicht: Dachschaden!

Dacheinstürze oder Dachsperrungen in Deutschland – zeitliche Abfolge ohne Anspruch auf Vollständigkeit – (Quelle: Archiv bauwissen-online)

Nach Matzig - Schadensstatistik - ergeben sich 45 Prozent der Flachdachschäden aus "mangelhafter Ausführung", 34 Prozent aus "fehlerhafter Planung" - und nur 14 Prozent aus „Materialversagen“.

Am 28. Dezember 2001 stürzt das Hallenbad-Dach in Drolshagen ein - zuerst ein Holzträger, dann zwei Holzbalken, kurz danach liegt das gesamte 150-m²-Dach im Wasserbecken

Im August 2004 zeigen sich erhebliche Risse in den Leimverbindungen der Dachkonstruktion der Mehrfachturnhalle in Kötzting (Landkreis Cham), die Halle muss bis auf weiteres geschlossen werden.

Anfang März 2005 stürzt in Herrenleite, Sachsen,  das Nagelbinder-Dach der Museumshalle unter der Schneelast zusammen.

20. September 2005: Urplötzlich bricht ein Leimholzträger der dreißig Jahre alten Eissporthalle in Bad Kissingen. Das Dach hatte sich zuvor schon über einen Meter gesenkt. Vermutete Ursache laut Gutachten der TU München: Materialübermüdung. Darauf wurden die restlichen Träger mit Baumstämmen gestützt, die Halle geschlossen.

Am 16. November 2005 wird der Gemeinderat in Ebermannstadt informiert, dass das Turnhallen-Flachdach der Volksschule wegen vieler baulicher Mängel einsturzgefährdet ist.

Am 28. November 2005 stürzt das Flachdach des Tanzsaales in Wuppertal ein. Grund: Schneelasten.

November 2005 zeigen sich nach Schneelast sehr verdächtige Schäden an den Holzleimbindern in der Dreifachsporthalle Dülmen und der kleinen Sporthalle Buldern.

Am 6. Dezember 2005 stürzt nach erheblichen Regenfällen das Flachdach des Plus-Supermarktes in Duisburg ein.

Am 23. Dezember 2005 muss das Spaß- und Freizeitbad in Kreuzau - 1978 erbaut - gesperrt werden. Die Leimbinderkonstruktion unter der Dachhaut war den Feuchte- und Temperaturbelastungen nicht mehr gewachsen, erheblicher Pilzbefall der Knotenpunkte an den Brettschichtholz-Bindern mit dem Zaunblättling (Pilz - Holzschädling) drohte das Gebäude zum Einsturz zu bringen.

Im Januar 2006 muss die Tribüne im Stadion von Troisdorf (bei Köln) gesperrt werden. Bei Montagearbeiten für Lautsprecher am Tribünendach werden starke Feuchteschäden an den Leimbindern des 1977 erbauten Daches entdeckt.

Am 16. Januar 2006 wird die wie in Bad Reichenhall 1973 eingeweihte Eissporthalle in Deggendorf geschlossen. Obwohl das Dach erst 2002 kostspielig saniert wurde, zeigten sich bis zu 5 m lange Risse in den Leimbindern.

Am 16. Januar 2006 muss das neue Delphinarium in Duisburg wegen plötzlich entdeckter Schäden an den Leimbindern geschlossen werden.

Am 19. Januar 2006 stürzen 500 m² des 2800 m² Leimbinder-Dachs einer Produktionshalle in Tittling mit etwas Schneeauflage ein. Und in Senden (Kreis Neu-Ulm) muß die 1981 eröffnete Eissporthalle wegen nasser Stützen mit deswegen stark eingeschränkter Tragfähigkeit der Leimholzkonstruktion geschlossen werden.

Am 24. Januar 2006 entdeckt ein Mitarbeiter einer Firma bei Bielefeld enorme Risse in Leimbindern einer warmluftbeheizten ca. 25jährigen Lagerhalle für Metall- und Elektronikteile. Das Dach ist mit Blech gedeckt und gedämmt.

Am 25. Januar 2006 muss die Gemeindesporthalle in Schwendi/Biberach wegen akuter Einsturzgefahr gesperrt werden. In der räumlichen Holzfachwerk-Dachkonstruktion mit stählernen Verbindungsmitteln in Greimbinder-Bauweise, bei dem die Stäbe im Knotenbereich geschlitzt und über innen liegende Stahlbleche durch Vernagelung ohne Verbohrung miteinander verbunden werden, Spannweite 28,70 m, werden frische lange, tiefe Risse in den Holzträgern und beschädigte Verbindungsknoten entdeckt.

Am 26. Januar 2006 wird die Jahnhalle in Plattling wegen frischer Risse in den Nagelbindern des Daches geschlossen, sie soll abgerissen werden.

Am 30. Januar 2006 wird die 1998 Grundschulturnhalle in Neuhausen, Gemeinde Offenberg, Niederbayern, wegen Rissen in den Leimbinderträgern gesperrt. Festgestellte Schneelast bei 20 cm: 70 kg/m², zulässige laut Statik angeblich 100 kg/m². Am 1. Februar 2006 erfolgt dann die Entwarnung, die Halle wird wieder freigegeben. Es handelte sich um gewöhnliche und gänzlich ungefährliche Frühschwindrisse im Holz, bedingt durch eine normale Austrocknung nach dem Einbau.

Am 3. Februar 2006 wird das 1973 erbaute Rosenheimer Eisstadion vorsichtshalber geschlossen, um die Brettschichtholz-Träger (weit gespannte Leimbinder-Bogenträger) zu untersuchen.

Am 7. Februar 2006 stürzt nach nächtlichen Schneefällen das knapp 5 Jahre alte, als begrüntes Leimbinder-Flachdach ausgeschriebenes und dann als Stahlkonstruktion mit flach geneigter Wellblechdeckung in der beliebten Leichtbauweise ausgeführte Dach eines Netto-Supermarktes in Töging, Oberbayern, ein. 16 x 7 von 20 x 40 m brechen einfach zusammen.

Am 15. Februar 2006 muss in Augsburg die Dreifachturnhalle der Berufschule VI gesperrt werden, Risse in einem der beiden Holz-Leimbinder-Dachträger gefährden die Statik.

Am 27. Februar 2006 muss die moderne Turnhalle in Varrel geschlossen werden, man entdeckte klaffende Risse in den Dachleimbindern, die Konstruktion stand kurz vor dem Einsturz.

Anfang März 2006 muss die beschneite Dreifachturnhalle im Offenhauser Gries in Neu-Ulm mit ihrem markanten Faltdach nach gefährlichen Knackgeräuschen in der Dachkonstruktion gesperrt werden. Ein Gutachten bringt schwerste Schäden an allen Leimbindern zutage, erhebliche und auch komplett durchgehende Risse werden entdeckt.

Am 3. März 2006 entdeckt man Mängel an den Leimbindern der Turnhalle der Keune-Grundschule am Weidengraben in Trier. Das Flachdach-Bauwerk wird daraufhin sofort gesperrt.

13. März 2006: Grundschule in Winnenden-Hertmannsweiler: Die aus dem Jahre 1956 stammende Brettnagelbinder-Satteldachkonstruktion, die den ganzen Schulbau überspannt, erweist sich als rettungslos geschädigt, akut einsturzgefährdet und erneuerungsbedürftig.

Am 16. März 2006 bricht im sächsischen Freiberg eine 20 x 60 m große Lagerhalle der Deutschen Bundesbahn unter 50 cm Schneelast in sich zusammen, das Restbauwerk wird abgerissen.

Am 25. März 2006 brechen die Holzbinder einer leer stehenden Halle der früheren Langer-Fabrik in Hammerunterwiesenthal bei Annaberg unter Schneelast zusammen. Teile davon stürzen auf die Gleise der Fichtelbergbahn.

Am 26. März 2006 stürzt ein Teil des undichten Schieferdaches eines denkmalgeschützten Hauses in Dietfurt ein. Der Dachstuhl war marode.

Im April 2006 stellt ein Gutachter an der Turnhalle in Elsdorf-Esch fest, dass die Holzkonstruktion des Daches wegen mangelhafter Verbindungen schon seit der Erbauung 1973 schwer gefährdet war. In den dadurch bedingten Verformungen des Flachdachs sammelte sich der Regen, die Dachhaut riss auf, das Wasser drang in die Dämmstofflagen ein und erhöhte dadurch die akute Einsturzgefahr.

Am 13. Juni 2006 muss die 1957 eingeweihte Stadthalle in Pfarrkirchen wegen nach Pfingstwindereignissen stark beschädigter Nagelbinder-Dachkonstruktion gesperrt werden.

Am 17. Juli 2006 stürzt im Schweriner Gewerbegebiet Görries-Fasanenhof das in den 1970er Jahren errichtete Holznagelbinderdach eines ortsansässigen Autohändlers plötzlich ein.

Am 26. Juli 2006 muss die Eissporthalle in Wiehl (bei Köln) gesperrt werden. Untersuchungen hatten gravierende Risse in der Dachkonstruktion aus weit gespannten Leimbindern entdeckt, die durch die sommerbedingte Trocknung erst ihr wahres Ausmaß verrieten. Die acht riesigen Leimbinder müssen notunterstützt werden.

15. August 2006: Weiter geschlossen bleibt die einsturzgefährdete Eissporthalle in Göppingen, eröffnet 1979. Bereits 1979 wusste das Bauamt von dem turnusmäßigen Erneuerungsbedarf der Dachmembran, die nun verschlissen ist. Es wurden bereits 2004 Stahlstützen als Notbehelf unter den geschädigten Leimbindern eingebaut, der Sicherheitszustand ist bedenklich.

Am 18. August 2006 wird die Mehrzweckhalle in Solms-Niederbiel geschlossen. Grund: Sicherheitsmängel der Dachkonstruktion, Risse in den Balken, Mängel der Statik!

26. Oktober 2006: Eilmeldung aus Mellrichstadt: die Leimbinder am Dach der Dreifachturnhalle sind gerissen!

Am 15. März 2007 muss das akut gefährdete Eisstadion in Köln - die Eishalle an der Lentstraße - wegen akuter Einsturzgefahr geschlossen werden. Ähnliche Bauart mit Leimbindern wie in Bad Reichenhall, bereits stark durchfeuchtete Holzkonstruktionen, so dass sich schon Moos angesetzt hat.

Am 8. April 2008 kracht in der Schulschwimmhalle Schwentinental, Kreis Plön, die Zwischendecke in das Schwimmbecken. Sie war erst 2006 errichtet worden, eine Konstruktion aus Hartschaumplatten, verkleidet mit Stahlblech.

Am 16. Februar 2009 stürzt das schneebedeckte neue Leimbinder-Dach des 20 x 30 m großen Wertstoffhofes eines Containerdienstes in Freudenberg im Siegerland ein. Die etwa ein Meter dicken Leimbinder brachen wie Streichhölzer in sich zusammen. Schneehöhe nur wenige Zentimeter.

Am 16. März 2009 wird die Amperhalle im oberbayerischen Emmering bei Fürstenfeldbruck wegen Einsturzgefahr gesperrt. Die seit längerem in den Leimbindern der Dachkonstruktion beobachteten Risse waren größer und größer geworden, obwohl die Dachdeckung selber dicht ist. Eine Routineuntersuchung brachte die Gefahr ans Tageslicht.

Am 22. Juli 2009 stürzen das erst sechs Jahre alte, flach geneigte und mit Betondachsteinen gedeckte 1000-m²-Dach und die Decke des Rewe-Supermarktes im Akazienhof-Einkaufszentrum Falkensee (Berlin-Spandau) in sich zusammen. Die Ursache des Einsturzes: Bruch der hölzernen Dachbinder – hier ein Fachwerkbinder. Dipl.-Ing. (FH) Uwe Morchutt – Sachverständiger im Bereich Feuchteschutz

PS: Wie immer nach derartigen Unglücken, insbesondere dann, wenn bedauerlicherweise Menschenleben zu beklagen sind, wird der Ruf laut nach einem Bau-TÜV, so auch nach Bad Reichenhall. Schaut man auf die Anzahl der Dacheinstürze oder beinahe Einstürze nach Bad Reichenhall erkennt jeder Laie sofort, dass sich nichts geändert hat, aber auch rein gar nichts passiert ist!

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