Buchtipp (29. Dezember 2009)

Schadstoffe in Innenräumen und an Gebäuden
Erfassen, bewerten, beseitigen

Schadstoffe in Innenräumen und an Gebäuden sind ein äußerst diffiziles Themengebiet, das sowohl die Experten als auch die Bewohner seit Jahrzehnten verfolgt und bekleidet. Anhand von zwei Beispielen, die jeder kennt, soll auf den Ernst der Materie, hier am Beispiel Asbest, aufmerksam gemacht werden.

Obwohl die beiden Wolkenkratzer des World Trade Centers, die von 1966 bis 1973 errichtet und am 11. September 2001 durch Terroranschläge zum Einsturz gebracht worden sind, nach Recherchen des Verbandes beratender Bauingenieure zu den ersten Hochhäusern in den USA gehörten, deren Tragwerk nicht mehr mit Asbest ausgeschäumt wurde, trat trotzdem eine hohe Asbestbelastung auf, die die Fachleute auf Asbestfasern in den Bodenbelägen zurück führen. Nach Expertenmeinung wurde Asbest damals auch in der Haustechnik, zum Beispiel zur Verkleidung von Lüftungskanälen, verwendet. Viele Feuerwehrleute, die zur Rettung der Menschen zum Einsatz kamen, klagen heute über Gesundheitsschäden dieser Asbestbelastung. Bereits Ende der sechziger Jahre entbrannte in den USA eine Diskussion, ob Asbest Krebs erregen kann. Im Zuge dieser Debatte wurden die Arbeiten mit asbesthaltigen Baumaterialien eingestellt.

Im Prestigebau der SED-Oberen, dem Palast der Republik, der am 23. April 1976 fertig gestellt wurde, sind rund 5000 t Spritzasbest als vorbeugender Brandschutz verbaut worden. Eine damals durchaus noch dem Stand der Technik entsprechende Bauweise, egal auf welcher Seite der Mauer man lebte. Obwohl am Beispiel der USA bekannt sein musste, dass Asbest Krebs erregend ist. Inzwischen ist der Bau des Anstoßes behutsam abgetragen worden, um weitere Gesundheitsschäden zu vermeiden.

Angesichts dieser bekannten Bedrohung verwundert es schon sehr, dass Spritzasbest in der alten Bundesrepublik erst 1979 offiziell untersagt wurde. Schwachgebundener Asbest und Asbestzement wurden sogar erst 1982 verboten. Viele Asbestgeschädigte, falls sie noch am Leben sind, siehe der aktuelle Fall von Eternit – des Turiner Baustoffwerkes, kämpfen heute noch um angemessene Entschädigung. Leider müssen immer erst Menschen erkranken oder sogar sterben, bis ein Schadstoff überhaupt auf eine Verbotsliste kommt oder als Schadstoff eingestuft wird.

Mittlerweile ist Asbest als Berufskrankheit unter der Kennzeichnung 4103 - Asbeststaublungenerkrankung offiziell anerkannt. Die Zahl der Schadstoffe (PCB, PCP, PAK, Lindan, DDT), die auf der Verbotsliste stehen oder in Deutschland nicht mehr hergestellt werden dürfen, ist indes im Laufe der Jahre immer größer geworden. Der bisweilen mühsame Kampf gegen die Schadstoffe in Baumaterialien wird auch dadurch begründet, dass sie über gute Materialeigenschaften verfügen, aber leider gesundheitsgefährdend sind.

Hier setzt das Fachwerk des Verbandes Schadstoffsanierung an: Ein interdisziplinäres Autorenteam bestehend aus Ingenieuren, Naturwissenschaftlern, Medizinern und Rechtsanwälten hat dieses kompakte Nachschlagewerk mit dem erforderlichen Grundlagenwissen und der dazugehörigen Praxisnähe zusammengestellt, um die unterschiedlichsten Schadstoffe zu erfassen, zu bewerten und sachgerecht zu beseitigen. Der fachliche Hintergrund der Autoren verrät nur zu gut, dass wir es hier mit Profiwissen und einer Portion Praxiserfahrung zu tun haben.

Ungenügendes Wissen über Gebäudeschadstoffe oder fehlende Sensibilität der Beteiligten können zu erheblichen Gesundheitsrisiken und immensen ökonomischen Folgeschäden, beispielsweise für teure Sanierungen, führen. Ein verantwortungsvoller Umgang mit bestehenden Gebäuden, vor allem aus den 50er bis 80er Jahren, ist somit schon aus purem Eigeninteresse unerlässlich. Das vorliegende Werk gibt hierfür fundiertes Expertenwissen an die Hand, das bei der Beurteilung von Schadstoffen in Gebäuden wertvolle Dienste leistet.

Ein Blick in das Buch verrät, wie komplex der Umgang mit Schadstoffen ist. Einleitend werden rechtliche Aspekte, die ein breites Kapitel einnehmen, sowie planerische Grundgedanken erörtert, die den Umgang mit schadstoffbehafteten Materialien sensibilisieren sollen. Kommt es nämlich diesbezüglich zu Verstößen in der Planungs- und Ausführungsphase, sind rechtliche Auseinandersetzungen die logische Folge.

In Kapitel 2, das fast 300 Druckseiten umfasst, wird die gewaltige Menge an Schadstoffen erschöpfend erfasst, bewertet und durch Sanierungsvorschläge die gefahrlose Entsorgung beschrieben. Hinweise auf die dazugehörigen Gesundheitsrisiken weisen auf das Gefahrenpotenzial des jeweiligen Schadstoffes hin und erleichtern somit den Umgang mit der schädlichen Substanz. Anhand dieser akribischen Beschreibung der Schadstoffe wird für den Laien erst sichtbar, wie uns Schadstoffe auf Schritt und Tritt bekleiden.

Teil 3 katalogisiert die Schadstoffe nach ihrer typischen Verbreitung in Innenräumen und an Gebäuden. Einfacher ausgedrückt, wo am oder im Gebäude finden wir welchen Schadstoff am häufigsten? Die Schadstoffe mit der größten Verbreitung in einem Gebäude wie Asbest, KMF, PCB, PAK und VOC werden hier systematisch lokalisiert. Eine für jeden Nutzer gelungene und leicht verständliche Auflistung nach Gebäudeteilen mit farbiger Bebilderung.

Abschnitt 4 ist ausschließlich der Entsorgung gewidmet. Hier erfährt der interessierte Leser, wie belastete Abfälle aus der Gebäudesanierung und des Gebäudeabbruchs korrekt eingestuft und im Sinne der Abfallwirtschaft schadlos entsorgt werden.

Das letzte, das fünfte Kapitel listet die wichtigsten Schadstoffe checklistenartig auf, so dass man die wichtigsten Informationen zum jeweiligen Schadstoff auf einen Blick erfährt. Eine umfangreiche Übersicht zu Normen, Rechtsvorschriften, Richtlinien und Merkblätter runden das Kompendium sinnvoll ab. Die Publikation ist ideal geeignet für Sanierungsbetriebe, Bauunternehmen, Architekten, Bauherren, Verwalter, Baubiologen und Umweltämter.

Schadstoffe in Innenräumen und an Gebäuden ist ein Fachwerk, das seines gleichen sucht. Akribisch genau und verständlich zugleich wird die bisweilen komplizierte Welt der Schadstoffe systematisch behandelt und ans Licht befördert. In einer vermeintlichen, von Schadstoffen überfrachteten Zeit gewährt das Buch einen umfassenden Einblick in die gesundheitlichen Risiken, die bei einem unbedarften Bauen entstehen können. Dipl.-Ing. (FH) Uwe Morchutt

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KMF - künstliche Mineralfasern
PAK - polycyclische aromatische Kohlenwasserstoffe
PCB - polychlorierte Biphenyle
PCP - Pentachlorphenol
DDT - Dichlordiphenyltrichlorethan
VOC - flüchtige organische Verbindungen
Lindan - Hexachlorcyclohexan (Holzschutzmittel)

Bibliografische Daten
„Schadstoffe in Innenräumen und an Gebäuden“
Erfassen, bewerten, beseitigen
Hrsg.: Gesamtverband Schadstoffsanierung GbR
17 x 24 cm, Gebunden, 494 Seiten mit 187 Abbildungen und 77 Tabellen.
69 Euro – Dezember 2009
Verlagsgesellschaft Rudolf Müller GmbH & Co. KG
50933 Köln
ISBN-13: 978-3-481-02501-4
URL: www.baufachmedien.de