Lüftungskonzept wird Pflicht! (31. Juli 2009)
Mit der überarbeiteten DIN 1946-6, die im Mai 2009 veröffentlicht wurde, müssen alle beauftragten Planer für sprichwörtlich jedes Bauvorhaben, egal ob Neubau oder Altbau-Modernisierung, ein Lüftungskonzept erstellen. Darüber hinaus sind die Anforderungen an die Hygiene, an die Raumluftqualität, an den rationellen Energieeinsatz sowie Energienutzen zuverlässig zu erfüllen.

Die Energieeinsparverordnung (EnEV) wie auch der Wärmeschutz im Hochbau (DIN 4108-2 + 7) fordern bekanntlich eine luftundurchlässige Gebäudehülle bei gleichzeitiger Sicherstellung der Raumhygiene durch einen ausreichenden Luftwechsel. Soll dieser Luftwechsel, wie in der Mehrzahl üblich, nur über die Fenster erfolgen, also ohne nutzerunabhängige Lüftungsanlagen, können im Zuge eines Rechtsgutachten (siehe auch Rechtsgutachten des Bundesverbandes für Wohnungslüftung - VFW) erhebliche Haftungsrisiken für Planer und ausführende Unternehmen entstehen. Deswegen verpflichtet die angepasste DIN 1946-6 die Architekten, Planer und Bauträger für jedes Wohngebäude ein schlüssiges Lüftungskonzept zu erstellen.

Was ist neu an der DIN 1946-6?
- Ausarbeitung eines Lüftungskonzeptes, in dem die Anforderungen an die Hygiene, an die Raumluftqualität, an den rationellen Energieeinsatz und Energienutzen zu erfüllen sind,
- alle Lüftungsgrundsysteme, ob freie Lüftung oder ventilatorgestützte Lüftung, sind in der Norm geregelt und werden für den Einsatz im Neubau und im zu sanierenden Altbau behandelt,
- Kennzeichnungen der Qualität in Bezug auf Hygiene, Schall und Energieverbrauch,
- gleichzeitiger Betrieb von Lüftung und Feuerstätten für feste Brennstoffe,
- Abnahme und Übergabe an den Nutzer sowie Instandhaltungsmaßnahmen sind vorgegeben,
- Arbeitshilfen im Anhang, wie z.B. die Darstellung von Lüftungssystemen, Musterprotokolle für die Inbetriebnahme, Check der Vollständigkeit und Funktionsprüfung sowie Instandhaltung. Beispielbemessungen für Anlagensysteme und Ablaufschemata zur Anlagenplanung.

Die Neuregelung schafft Klarheit für Planer und Bauherren und trägt zur Rechtssicherheit bei!

Die neue Lüftungsstufe: „Lüftung zum Feuchteschutz“  (FL) wurde als zusätzliche Lüftungsstufe aufgenommen, so dass jetzt vier Lüftungsstufen unterschiedlicher Intensität in der Norm enthalten sind. Die Lüftung zum Feuchteschutz definiert die Luftwechselrate, die bei minimaler Nutzung der Wohnung erfolgen muss, um Schimmelpilz- und Feuchtschäden zu vermeiden. Diese Stufe muss gemäß Norm ständig und nutzerunabhängig, auch bei geschlossenen Fenstern, sichergestellt sein. Beachte: Warme Luft kann mehr Feuchtigkeit aufnehmen als kalte!

   

Faktoren, die in die Berechnung einfließen, sind der Dämmstandard, die Bauweise, die Größe sowie die Lage des Gebäudes. Diese Einflüsse geben Hinweise darauf, mit welchen Undichtheiten in der Haushülle gerechnet werden kann. Die Wohnfläche zeigt die zu erwartenden Belastungen. Die regionale Lage des Hauses gewinnt an Bedeutung, um die Windbelastung einzuschätzen. Es gilt die Faustregel: je mehr Wind, desto größer die natürliche Infiltration (Eindringen). Reicht die Luftzufuhr über Undichtheiten nicht aus, um die Lüftung zum Feuchteschutz (entspricht der 1. Lüftungsstufe) sicher zu stellen, muss der Planer lüftungstechnische Maßnahmen vorsehen.

Das kann eine zusätzliche Lüftung über Schächte oder in der Außenhülle eingelassene Außenwandluftdurchlässe sein bzw. über die ventilatorgestützte Lüftung von technischen Wohnungslüftungsanlagen erfolgen. Hier darf keine Fensterlüftung durch die Bewohner eingeplant werden, da sie nutzerunabhängig funktionieren muss! Schon bei relativ geringen Modernisierungsarbeiten, wie dem Austausch von Fenstern, einer Abdichtung von Fassaden oder Dächern oder dem Einbau von Feuerstätten, sind bezüglich der Lüftung neue Regeln und Werte zu beachten.

Was sagt die neue DIN 1946-6 über Lüftungsleitungen?
In der modifizierten DIN 1946-6 werden Regeln, Leitlinien und Merkmale für die Planung, Ausführung und den Betrieb von Wohnungslüftungsanlagen festgelegt. Unter anderem macht die DIN folgende Vorgaben zur Auswahl der zu verwendenden Materialien und der Verlegung von Lüftungskanälen: Alle Luftleitungen müssen so beschaffen und angeordnet sein, dass sie leicht zu reinigen oder leicht auszuwechseln sind. Die Lufthauptleitungen sollen so glattwandig wie möglich ausgeführt sein. Generell soll eine schnelle Verschmutzung des Luftleitungsnetzes verhindert werden. Deshalb sind scharfkantige und spitze Teile im Luftstrom sowie stark oberflächenraue Luftleitungen zu vermeiden.

Warum Glattwandigkeit?
Die Glätte der Oberfläche ist ein wesentliches Kriterium für das Staubablagerungsverhalten in Lüftungskanälen. Je glatter die Oberfläche, desto weniger Staub kann sich ablagern und desto besser lässt sich die Oberfläche reinigen. Soll heißen: Der Planer bzw. Handwerker muss explizit festlegen, wie der aus Sicht der Hygiene und des Bautenschutzes notwendige Luftaustausch erfolgen kann.

Ungenügende Lüftung: Planungsfehler!
Für Planer und Handwerker, aber auch für Hausverwalter entstehen hieraus umfassende Hinweispflichten und Haftungsrisiken. Demnach müssen die meisten Neubauten und zu sanierende Altbauten in Zukunft über eine nutzerunabhängige Lüftungseinrichtung verfügen. Da die Einhaltung der allgemein anerkannten Regeln der Technik zum Zeitpunkt der Abnahme geschuldet ist, kann nach vorliegendem Rechtsgutachten (VFW) ein Neubau ohne geplantes Lüftungsregime bereits einen Planungsfehler bedeuten, sofern er nicht vor dem Februar 2009 (Weißdruck - Inkrafttreten der Norm) abgenommen wurde. Bei der zwingend herzustellenden luftdichten Gebäudehülle ist der vorgeschriebene Luftwechsel über eine reine Fugenlüftung durchweg nicht mehr zu realisieren. Die Einhaltung des Außenluftvolumenstromes ist demnach zu planen und durch Berechnung sicherzustellen und durch besondere Maßnahmen (z. B. Lüftungsanlage) zu gewährleisten. Dies trifft insbesondere auf Mehrfamilienhäuser zu. Bei einem Schimmelpilzbefall ist von einem Sachverständigen zu prüfen, ob die bauliche Mindestlüftung eingehalten wird. Ist dies nicht der Fall, wäre ein Schimmelpilzbefall bereits nach einer Teilsanierung (z. B. Austausch der Fenster) als bautechnischer Mangel zu werten. Sofern kein Planer involviert ist, sind die Regressansprüche gegenüber den Eigentümer, den ausführenden Handwerker oder die Hausverwaltung zu formulieren.

Das „Lüftungsrisiko“, das bisher aufgrund der unklaren Zuständigkeiten in der Regel beim Nutzer lag, verschiebt sich nun auf den Planer bzw. Vermieter einer Immobilie!

Fazit
Der Außenvolumenstrom ist nun festgelegt und die Einhaltung durch Planung sicherzustellen. Die Lüftung zum Feuchteschutz und die Mindestlüftung sind nutzerunabhängig zu gewährleisten. Durch die geschuldete, luftdichte Bauweise nach DIN 4108-2 + 7 ist eine Einhaltung der Anforderungen über Infiltration in der Regel nicht möglich. Jeder Neubau braucht demnach eine gesonderte Lüftungseinrichtung, sprich Lüftungsanlage. Teilsanierte Altbauten sind von der DIN 1946-6 ebenfalls betroffen.

Was versteht man eigentlich unter Außenvolumenstrom?
In Bereichen kühlerer Bauteile (Vorsicht: Taupunktunterschreitung! - siehe Grafiken), die von der normalen Luftzirkulation nicht erreicht werden, z. B. hinter Vorhängen an Fensterstürzen und hinter Schränken, kondensiert die Feuchte in der Luft, es bildet sich Oberflächenkondenswasser, das zu Schimmelbildung führen kann. Eine erhöhte Raumluftfeuchtigkeit entsteht bereits durch ganz normale Wohnungsnutzung: Atemluft, Kochen, Baden, Wäschetrocknen und Pflanzen. Lüftungsanlagen sind deshalb so zu bemessen, dass der zugeführte Außenvolumenstrom den persönlichen, ganz individuellen Bedürfnissen der Bewohner entspricht. Der notwendige Außenluftvolumenstrom setzt sich zusammen aus dem Luftvolumenstrom aus den lüftungstechnischen Maßnahmen (frei oder ventilatorgestützt), dem wirksamen Luftvolumenstrom durch Infiltration und dem wirksamen Luftvolumenstrom durch teilweises öffnen der Fenster.

Dipl.-Ing. (FH) Uwe Morchutt – Sachverständiger im Bereich Feuchteschutz

Hilfe! Schimmel im Haus - Ursachen - Wirkungen - Abhilfe (PDF 16 DS/1,25 MB – Quelle: Umweltbundesamt, Berlin 2003)

Quelle u.a.: Raumlufttechnik - Teil 6: Lüftung von Wohnungen - Allgemeine Anforderungen, Anforderungen zur Bemessung, Ausführung und Kennzeichnung, Übergabe/Übernahme (Abnahme) und Instandhaltung. Ersatz für DIN 1946-6, Oktober 1998