Ingenieur-Baukunst gewürdigt (28. Juni 2009)
Die Göltzschtalbrücke bei Netzschkau, Vogtland, erhielt vor wenigen Tagen den Titel „Historisches Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst in Deutschland“. Wahrhaftig ein imposantes Brückenbauwerk, das mit seinen Maßen - 574 m lang und 78 m hoch - zu beeindrucken weiß: spannt es sich doch imposant über das Göltzschtal, dessen Name von dem eher unscheinbaren Flüsschen Göltzsch hervorgeht. Sie ist die größte Ziegelbrücke der Welt. Damit ist das Symbol des Vogtlandes in Sachsen nach dem Schiffshebewerk Niederfinow, Brandenburg, erst das zweite Bauwerk, das diese von Ingenieuren ausgelobte Auszeichnung erhält. Als nächstes Ingenieurbauwerk soll der Stuttgarter Fernsehturm die Ehrung erhalten, der  am 5. Februar 1956 eingeweiht wurde.

Die Göltzschtalbrücke dient nach wie vor als Eisenbahnbrücke. Insbesondere von unten  bietet sich ein wahrhaft beeindruckendes Bild: In vier Etagen mit 98 Gewölben ragen die 28 Pfeiler in die Höhe. Beeindruckend ist die Farbkombination der Ziegel und Natursteine: rund 53 Prozent des Mauerwerkes bestehen aus ca. 26 Mio. Ziegelsteinen.

   

Der Bau der Göltzschtalbrücke war nicht nur ein wirtschaftliches Projekt, sondern hatte auch einen politischen Hintergrund: Der Bau einer Eisenbahnlinie zwischen Leipzig und Nürnberg sollte zwei Königreiche miteinander verbinden, Sachsen und Bayern. Das hatten die Regierungen 1841 mit einem Staatsvertrag besiegelt. Der Bau begann 1845, die Göltzsch erhielt eigens hierfür ein neues Flussbett zwischen den Pfeilern.

Gebaut wurde letztendlich eine Kompromiss-Variante, da keiner der 81 eingereichten Entwürfe eine zufrieden stellende Lösung präsentieren konnte. Als die Brücke am 15. Juli 1851 nach sechs Jahren Bauzeit endlich freigegeben wurde, war sie zu diesem Zeitpunkt die größte und höchste Eisenbahnbrücke der Welt. Die Arbeiten waren körperlich sehr anstrengend und nicht ungefährlich, der Blutzoll unter den Arbeitern war hoch: 30 Menschen verloren ihr Leben, rund 1300 wurden zum Teil schwer verletzt.

   

Der Weihespruch
Frugiferos Celeret Motus Immobilis Ipse - Selbst unbeweglich, möge sie nützliche Bewegungen beschleunigen.

Die Bundesingenieurkammer verleiht den Titel „Historisches Wahrzeichen“ erst seit 2007. Selbstauferlegte Forderung: Die Bauwerke müssen älter als 50 Jahre sein. Die Ehrung soll vor allem dazu dienen, ein größeres Bewusstsein für die Ingenieurbaukunst zu bewirken. Darüber hinaus soll er junge Menschen für den Ingenieurberuf begeistern.

Die Tafel „Historisches Wahrzeichen“ wird neben der Tafel aus Anlass der 150 Jahre Feier ihren würdigen Platz finden. Die Brücke ist neben ihrer Funktionalität auch ein wirtschaftlicher Faktor, lockt sie doch rund 60 000 Besucher jedes Jahr in ihren Bann.

Die Göltzschtalbrücke und ihre kleinere Schwester, die Elstertalbrücke, gehören zu den markantesten der prachtvollen Steinbogenbrücken im Vogtland, das an der oberen Elster zwischen dem Thüringer Schiefergebirge und dem Erzgebirge liegt.

   

Dipl.-Ing. (FH) Uwe Morchutt (Bilder: www.bauwissen-online.de)

Weitere Infos zur Brücke: www.göltzschtalbrücke.de